Biennale Venedig 2026: 61. Internationale Kunstausstellung
„In Minor Keys“
Vom 9. Mai bis 22. November 2026 tobt in Venedig die Kunstbiennale. Die 61. Esposizione Internazionale d’Arte steht unter dem Label „In Minor Keys“.
Etwas später im Jahr als bei den Vorauflagen, am 9. Mai 2026, eröffnet die 61. Kunstbiennale in Venedig. Während der rund 6½ Monate Laufzeit (bis 22. November 2026) machen die Zentralausstellung, die Ausstellungen in den nationalen Pavillons („Partecipazioni nazionali“), die Nebenausstellungen („Eventi collaterali“) und ungezählte, inoffizielle Parallelausstellungen zusammen die weltweit größte Anhäufung in Sachen Gegenwartskunst.
Als künstlerische Leiterin der 61. Esposizione Internazionale d’Arte war Koyo Kouoh engagiert. Die 1967 in Douala geborene Kuratorin und Kulturmanagerin arbeitete zuletzt als Chefkuratorin und Geschäftsführerin des Zeitz Museum of Contemporary Art Africa (MOCAA) in Kapstadt, war zuvor u.a. Teil des kuratorischen Teams der documenta 12 (2007) und der documenta 13 (2012).
Kouoh starb im Mai 2025, ein halbes Jahr nach ihrer Berufung zur Kuratorin der Venedigbiennale. Die Biennale versichert, Kouohs Ausstellungskonzept unter Mitwirkung von deren Berater:innen und Mitarbeiter:innen umzusetzen.
„In Minor Keys“
Die Zentralausstellung im Arsenale und dem Padiglione Centrale hatte Koyo Kouoh unter das Label „In Minor Keys“ gestellt. In ihrem kuratorischen mission statement beschrieb sie ihre Schau als eine, die dazu einladen soll, „den beständigen Signalen von Erde und Leben zuzuhören und sich mit seelischen Frequenzen zu verbinden“: „Wenn Molltonarten in der Musik oft mit Fremdheit, Melancholie und Trauer assoziiert werden, so manifestieren sich hier ebenso ihre Freude, ihr Trost, ihre Hoffnung und ihre Transzendenz.“
Die 61. Internationale Kunstausstellung solle „weder eine Litanei von Kommentaren zu Weltereignissen noch eine Abwendung oder Flucht vor kumulierenden und sich fortwährend überlagernden Krisen“ sein. Vielmehr schlage sie „eine radikale Rückbesinnung auf den natürlichen Lebensraum und die gesellschaftlichen Rolle der Kunst vor: dem Emotionalen, dem Visuellen, dem Sinnlichen, dem Affektiven, dem Subjektiven.“
Besucher:innen seien eingeladen, „zu staunen, zu meditieren, zu träumen, zu schwelgen, nachzudenken und sich in Bereichen zu verständigen, in denen Zeit weder Unternehmensbesitz ist noch der Gnade unerbittlich beschleunigter Produktivität unterliegt.“
Partecipazioni nazionali
Prägender als die Zentralausstellung sind für den Charakter der Biennale aber sicher eher die nationalen und regionalen Ausstellungen. In den festen Pavillons der Giardini, in den Hallen der ehemaligen Schiffswerft (Arsenale) und in Locations verteilt über die ganze Stadt verschaffen sie einen vielfältigen Einblick in das gegenwärtige Kunstmachen weltweit.
Zu den Pavillons mit Auftritten der international etabliertesten Künstler:innen gehören heuer der französische Pavillon mit der franko-marokkanischen Multimediakünstlerin Yto Barrada (*1971 in Paris) sowie das britische Haus mit der Malerin und Installationskünstlerin Lubaina Himid (*1954 in Sansibar), die 2017 mit dem Turner Prize ausgezeichnet wurde.
Der Deutsche Pavillon – heuer kuratiert von der Leiterin des Berliner Georg Kolbe Museums Kathleen Reinhardt – zeigt Arbeiten der Berliner Installations- und Multimediakünstlerinnen Henrike Naumann (*1984 in Zwickau) und Sung Tieu (*1987 in Hải Dương).
Naumann reflektiere „gesellschaftspolitische Probleme auf der Ebene von Design und Interieur“ und erkunde „das Reibungsverhältnis entgegengesetzter politischer Meinungen im Umgang mit Geschmack und persönlicher Alltagsästhetik“. Tieu setze sich in ihren Arbeiten „mit den Nachwirkungen des Kalten Krieges, kolonialen Verflechtungen und den subtilen Mechanismen institutioneller Gewalt auseinander“, so das ifa Institut für Auslandsbeziehungen, das den Deutschen Pavillon verantwortet.
Künstlerinnen Henrike Naumann und Sung Tieu, sowie Kuratorin Kathleen Reinhardt für den Deutschen Pavillon auf der 61. Kunstbiennale von Venedig. Foto: Victoria Tomaschko.
Die österreichische Vertretung wird von der Choreografin und Performance-Künstlerin Florentina Holzinger (*1986 in Wien) gestaltet. Ihre Auseinandersetzung mit dem Element Wasser (Arbeitstitel: Seaworld Venice) wird aus dem Pavillon jenseits des Rio dei Giardini mit site-spezifischen Aktionen auch auf den Stadtraum Venedigs übergreifen.
Im Schweizer Pavillon will ein sechsköpfiges Kollektiv mit einem Projekt unter dem Titel The Unfinished Business of Living Together „drängende Fragen zu sozialem Zusammenhalt, Identität und Werten des kollektiven Zusammenlebens aufgreifen“, heißt es in einer Pressemitteilung der organisierenden Kulturstiftung Pro Helvetia.
Goldene und Silberne Löwen
Goldene und silberne Löwen werden seit 1986 auf der Kunstbiennale von Venedig ausgeteilt. Neben Auszeichnungen fürs Lebenswerk schüttet die Biennale weitere Löwen für den besten nationalen Pavillon, beste Künstler:innen der Zentralausstellung und beste Nachwuchskünstler:innen aus.
Auf der letzten Biennale, 2024, ging ein Goldener Löwe für den besten nationalen Beitrag an den australischen Pavillon mit einer Installation von Archie Moore (*1970 in Toowoomba), die Auszeichnung für die besten Künstler:innen der Zentralausstellung an das 2012 in Neuseeland gegründete Mataaho Collective.
Mit einem Goldenen Löwen für das Lebenswerk versehen wurden 2024 die italienisch-brasilianische Bildhauerin und Videokünstlerin Anna Maria Maiolino (*1942 in Scalea) und die türkische Malerin und Installationskünstlerin Nil Yalter (*1938 in Kairo). Den Silbernen Löwen als vielversprechendste junge Künstlerin nahm die nigerianische Videokünstlerin Karimah Ashadu (*1985 in London, lebt in Hamburg und Lagos) mit nach Hause.
Rückblicke
Die Biennale von Venedig geht heuer ins 132ste Jahr. Seit 1895 findet die Internationale Kunstausstellung im Zweijahresrhythmus statt (vor allem kriegsbedingt fiel die Kunstschau in einigen Jahren aus – 2021 wurde die Biennale coronabedingt um ein Jahr verschoben). Wie hat das alles angefangen?
Rückblick: Die erste Biennale von Venedig 1895
Ia Esposizione Internazionale d’Arte di Venezia
Im April 1895 eröffnet die 1. Internationale Kunstausstellung der Biennale von Venedig. Sie ist ein Publikumsrenner, zeigt ein Skandalbild, zieht prominente Kunstkäufer an. Der Anfang von mehr als 130 Jahren Geschichte der Biennale. [mehr]
Die 61. Internationale Kunstausstellung findet in schwierigen Zeiten statt. In Europa und in großen Teilen der Welt machen sich rechtspopulistische und rechtsextremistische Kräfte daran, Machtpositionen zu erobern oder haben – wie in Italien – bereits die Macht übernommen.
Man kann das zum Anlass nehmen, um gut 100 Jahre zurückzublicken, auf die Zeit, in der der Faschismus zum ersten Mal sich anschickte, die Welt in Schutt und Asche zu legen.
Rückblick: Biennale Venedig 1924
Die erste Biennale im Faschismus
Die Venedigbiennale 1924 ist die erste Biennale unter der Herrschaft Mussolinis, erlebt einen Richtungskampf faschistischer Ästhetiken, sieht den ersten Auftritt der Sowjetunion und überzeugt die meisten Kritiker nicht. Ein Rundgang. [mehr]
Und was gab es auf den Kunstbiennalen Venedig in den letzten Jahren zu sehen?
- Biennale Venedig 2024: 60. Internationale Kunstausstellung.
„Stranieri Ovunque – Foreigners Everywhere“. - Biennale Venedig 2022: 59. Internationale Kunstausstellung.
„Il latte dei sogni – The Milk of Dreams“ - Biennale Venedig 2019: 58. Internationale Kunstausstellung.
„May you live in interesting times“ - Biennale Venedig 2017: 57. Internationale Kunstausstellung.
„Viva Arte Viva“
61. Esposizione Internazionale d’Arte della Biennale di Venezia. In Minor Keys. Konzept: Koyo Kouoh. Venedig, 9. Mai bis 22. November 2026.
