Neben- und Parallelausstellungen – Biennale Venedig 2026
Zehn Empfehlungen
Marina Abramović, Georg Baselitz, Nalini Malani, Michael Armitage, Shirin Neshat, Lee Ufan und andere mehr. Welche der Neben- und Parallelausstellungen zur Biennale Venedig 2026 darf man nicht verpassen?
Alleine die rund 30 offiziellen Nebenausstellungen („Eventi collaterali“) der Biennale Venedig 2026 wird man kaum schaffen, wenn man sich nicht drei oder gar mehr Tage Zeit dafür lassen kann. Dazu kommen ungezählte Parallelausstellungen, die zwar nicht zum offiziellen Programm der Internationalen Kunstausstellung gehören, aber wesentlich, besonders auch qualitativ zum Kunstaufkommen in Venedig beitragen.
Nach Sichtung der Nebenausstellungen und eines Haufens Parallelausstellungen: Was sollte man nicht versäumen? Im handlichen Überblick:
- Marina Abramović – Transforming Energy (Abr)
- Georg Baselitz – Eroi d’Oro (Bas)
- Nalini Malani – Of Woman Born (18)
- Michael Armitage – The Promise of Change (Arm)
- Shirin Neshat – Do U Dare! (Nes)
- Lee Ufan (16)
- Tadeusz Kantor – Emballage, Cricotage and Madame Jarema (28)
- Official – Unofficial – Belarus (19)
- Gabrielle Goliath – Elegy (Gol)
- Dayanita Singh – Archivio (Sin)
Die mit Kürzel gekennzeichneten Parallelausstellungen haben nicht den Stempel einer offiziellen Ausstellung der Biennale. Das Kürzel findet man auf untenstehender Karte wieder. Die Ziffern hinter den Nebenausstellungen beziehen sich auf die Ordnungsnummer in der offiziellen Biennale-Broschüre (pdf 3,0 MB), sind aber auch auf untenstehender Karte zu finden.
Marina Abramović – Transforming Energy (Abr)
Ende November feiert die weltweit berühmteste Performance- und Konzeptkünstlerin ihren 80. Geburtstag: Marina Abramović (*1946 in Belgrad). Die altehrwürdigen Gallerie dell’Accademia nehmen das zum Anlass, erstmals einer lebenden Künstlerin eine Sonderausstellung zu widmen.
Die Ausstellung kann sicher nicht konkurrieren mit den großen Retrospektiven auf Abramović’ Werk, die in den letzten Jahren an vielen Orten in Europa zu sehen waren – dafür ist der Sonderausstellungsbereich der Galerien zu klein, und man konzentriert sich klugerweise auf ihre Arbeiten aus den letzten Jahren.
Die Abramović-Huldigung greift aber mit einem guten Halbdutzend Werken auf die ständige Ausstellung über. Besonders berührend ist die Hängung ihres Selbstbildnisses als Pietà (mit Ulay) (1983) im Saal der größten Renaissancemeister, Tintoretto und Tizian, gleich bei Tizians Pietà.
Marina Abramović – Transforming Energy. Dorsoduro, Gallerie dell’Accademia, 6. Mai bis 18. Oktober 2026, Di-So, kostenpflichtig.
Georg Baselitz – Eroi d’Oro (Bas)
Nicht nur aus Pietätsgründen, aber auch, muss man mit dem Vaporetto übersetzen nach San Giorgio. Dort zeigt die Fondazione Giorgio Cini die letzten Arbeiten des Ende April verstorbenen Malerfürsten Georg Baselitz (1938-2026).
Sechzehn großformatige, goldgrundierte Gemälde sind das, mit feinen Aktzeichnungen („so eine feine, lineare Zeichnung wie es mir möglich war“), Selbstportraits und Portraits seiner Frau Elke, ungeschönt und sehr schön, „Bilder […], die ein Fazit enthalten und die auch endgültig sein sollen“. Der Titel der Serie spielt natürlich an auf Baselitz‘ Werkgruppe der Heldenbilder aus Mitte der 1960er Jahre.
Über und neben die Zeichnungen sind farbintensive, malerische Zitate gespachtelt als „Farewell“ an den Meister des abstrakten Expressionismus, Willem de Kooning. „De Kooning am falschen Platz [….] und das sieht wunderbar aus“, sagt Baselitz in einem Video, das in der Ausstellung etwas beiläufig zu sehen ist und das er sehr kurze Zeit vor seinem Tod aufgezeichnet haben muss.
Georg Baselitz – Eroi d’Oro. San Marco, Isola di San Giorgio Maggiore, Fondazione Giorgio Cini, 6. Mai bis 27. September 2026, Do-Di, freier Eintritt.
Nalini Malani – Of Woman Born (18)
Installationsansicht: Nalini Malani, Of Woman Born, 2026. 9-Kanal-iPad-Animations-Kammer, Ton, variable Dimensionen. Sammlung Kiran Nadar Museum of Art. © Nalini Malani.
In einem der großen, ehemaligen Salzmagazine an den Fondamenta delle Zattere, hat das private Kiran Nadar Kunstmuseum aus Delhi eine monumentale Videoinstallation der indischen Malerin und Multimediakünstlerin Nalini Malani (*1946 in Karatschi) mitgebracht.
Neun Videoprojektionen sind das, aus – so heißt es – mehr als 30.000 iPad-Zeichnungen, expressive, schnell geschnittene Bild-Textcollagen, in denen neben dem Schwarzweiß das Blutrot die dominierende Farbe ist. Dazu ein Soundtrack, der Motive der Orestie aufgreifend, wortmächtige Anklage erhebt, eingereicht von den Erinnyen, gegen die „Zerstörer des Lebens“ in den gegenwärtigen Kriegen und Machtverhältnissen und gegen die Straflosigkeit, die ihnen in Aussicht steht.
„Bist du das, Kassandra?“ beginnt es, und es endet mit dem Gesang des seilchenspringenden Mädchens: „This is the way the world ends / Not with a bang but a whimper“ (T. S. Eliots, The Hollow Men). Malani: „Die alltäglichen Ereignisse in der Welt bringen einen dazu, die Fäuste zu ballen, die Zähne zusammenzubeißen und – in einem Moment der Hysterie – laut zu schreien, während man mit dem Rücken zur Wand steht, wenn die Tragik des Lebens die Oberhand gewinnt.“
Nalini Malani – Of Woman Born. Dorsoduro, Magazzini del Sale n. 5, Kiran Nadar Museum of Art, 9. Mai bis 22. November 2026, Mi-Mo, freier Eintritt.
Michael Armitage – The Promise of Change (Arm)
Die Pinault Collection hat auf drei Vierteln der Ausstellungsfläche des prächtigen Palazzo Grassi am Canal Grande eine umfassende Schau mit Werken des britisch-kenianischen Malers Michael Armitage (*1984 in Nairobi) eingerichtet.
Die gegenständlichen, afrikanische und europäische Bildtraditionen und Mythologien aufgreifenden Arbeiten – vornehmlich aus den letzten zehn Jahren – thematisieren ebenso eindringlich wie explizit gegenwärtige Krisenherde wie Verfolgung, Flucht und Vertreibung, sexuelle Ausbeutung, Obdachlosigkeit, die Zerstörung der Umwelt. Als Bildträger verwendet Armitage „Lubugo“, ein aus der inneren Rinde des Mutuba-Baums gewonnenes Gewebe, häufig mit sichtbar belassenen Nähten und Fehlstellen des Materials, Ausweis der Verletzungen der Welt.
Auf das Versprechen des Wandels im Ausstellungstitel darf man nicht hereinfallen: Es ist der Titel eines Gemäldes von 2018 aus einer Serie von satirisch zugespitzten Auseinandersetzungen mit den Verheißungen von Ideologen und der Verführungskraft ihrer Versprechungen, die Armitage nach Beobachtungen im kenianischen Präsidentschaftswahlkampf gemalt hat.
Michael Armitage – The Promise of Change. San Marco, Palazzo Grassi, Pinault Collection, Mi-Mo, 29. März 2026 bis 10. Januar 2027, kostenpflichtig.
Shirin Neshat – Do U Dare! (Nes)
Falls es Schwierigkeiten beim Auffinden gibt: Der Palazzo Marin liegt in der Gasse, die nördlich vom Campo Santa Maria Zobenigo abgeht. Dort, im 1. Stockwerk, ist die neueste filmische Arbeit der iranischen Fotografin, Videokünstlerin und Regisseurin Shirin Neshat (*1957 in Ghazwin) zu sehen.
In der Trilogie nähert sich Neshat in drei Settings (Brooklyn, Manhattans Financial District sowie Suburbia) und in sehr starken Bildern der Geschichte einer Emigrantin, die Ende der 1970er Jahre mit ihren Eltern aus dem Iran in die USA geflohen war, dort später zum SocialMedia-Star wurde und 2018 mit einer halbautomatischen Schusswaffe ins Headquarter von YouTube eindrang, drei Menschen zum Teil schwer verletzte und sich dann selbst erschoss.
Das filmische Triptychon ist alles andere als eine dokumentarische Aufarbeitung eines Attentats, sondern eine vielschichtige, sehr symbolhafte, in Teilen surreale Auseinandersetzung mit der Einsamkeit im Exil, der Sehnsucht nach Aufmerksamkeit, der Abdrift in imaginierte Welten und der unheilvollen Verflechtung von struktureller und individueller Gewalt unter den Bedingungen einer totalitär gewordenen, medialen Öffentlichkeit.
Shirin Neshat – Do U Dare!. San Marco, Calle del Piovan o Gritti, 2541, Palazzo Marin, 9. Mai bis 6. September 2026, Mi-So, freier Eintritt.
Lee Ufan (16)
Zum 90. Geburtstag von Lee Ufan (*1936 im Haman-gun) zeigt das San Marco Art Centre in den Procuratie Vecchie Arbeiten aus der sechs Jahrzehnte umfassenden Karriere des minimalistischen Malers und Bildhauers.
Angefangen mit Beispielen aus den frühen Serien From Point und From Line mit ihren meditativen und zugleich gestischen Erkundungen von ins Extrem reduzierten malerischen Grundelementen bis hin zu einer ortsspezifischen, begehbaren Installation Relatum — Infinity (2026) stehen Lee Ufans Arbeiten in radikalem Kontrast zum Gewusel der touristischen Hauptattraktion vor der Tür.
Für Menschen, die keinen Zugang zu Ufans Minimalismus finden, hält das SMAC eine zweite Ausstellung bereit mit Werken des Arte Povera Künstlers Alighiero Boetti (1940-1994).
Lee Ufan. San Marco, Piazza San Marco, Procuratie Vecchie, 110, San Marco Art Centre, 9. Mai bis 22. November 2026, Mi-Mo, kostenpflichtig.
Tadeusz Kantor – Emballage, Cricotage and Madame Jarema (28)
Ein paar Schritte den Laubengang hinunter findet man eine Ausstellung der Starak Foundation über zwei Schlüsselgestalten der Krakauer Nachkriegsavantgarde: Tadeusz Kantor (1915-1990) und Maria Jarema (1908-1958).
Beide gründeten zusammen 1955 in Krakau das experimentelle Theater „Cricot 2“ (Jarema war bereits Mitbegründerin des Vorläufers und Vorbilds „Cricot“ in der Zwischenkriegszeit). Bühnenbilder, Requisiten und Kostüme erinnern an ihre Bühnenkunst. Den überwiegenden Teil der Ausstellung wird indes mit bildkünstlerischen Arbeiten Kantors bestritten. Das reicht von frühen abstrakten, am Informel orientierten Arbeiten aus den 1950/60er Jahren bis hin zu Spätwerken aus der Serie Dalej już nic (etwa: Danach kommt nichts mehr) – 1987 bis 1990.
Schluss- und Höhepunkt der Schau sind aber, von Kantor in den 1980er Jahren selbst angefertigte Rekonstruktionen des Bühnenbilds und der Puppen seines Klassikers des absurden Theaters Umarła klasa (Die tote Klasse) von 1975 – nebst einer Fernsehaufzeichnung aus dem Jahr 1976. Man tut gut daran, etwas Zeit für die Ausstellung mitzubringen.
Tadeusz Kantor – Emballage, Cricotage and Madame Jarema. San Marco, Piazza San Marco, Procuratie Vecchie, 139, Starak Foundation, 9. Mai bis 22. November 2026, Di-So, freier Eintritt.
Gabrielle Goliath – Elegy (Gol)
Eigentlich war für den südafrikanischen Pavillon vorgesehen, Arbeiten von Gabrielle Goliath (*1983 in Kimberley) zu zeigen. Goliath verfolgt seit mehr als zehn Jahren u.a. ein Projekt unter dem Titel Elegy : Performances und resultierende Videoinstallationen, in denen Sängerinnen, sich auf kleinen Podien abwechselnd, einen endlosen, monotonalen, wortlosen Klagegesang anheben, der an Opfer von Femiziden, Kriegen und Völkermorden erinnert (etwa des Völkermords durch die deutsche Kolonialmacht an den Herero und Nama Anfang des 20. Jahrhunderts).
In der aktuellen Fassung ist Elegy ergänzt um eine Totenklage für die Dichterin Hiba Abu Nada, die im Oktober 2023 bei Bombardements durch die israelische Luftwaffe in Gaza getötet wurde. Wie weithin berichtet wurde, nahm der südafrikanische Kultusminister Anstoß an diesem Teil der Arbeit und forderte dessen Entfernung. Rechtsmittel gegen die Intervention des Ministers blieben erfolglos, und einen nationalen Beitrag Südafrikas gibt es nunmehr auf der Biennale 2026 nicht.
Goliaths sehr ergreifende Elegie ist gleichwohl – unabhängig vom offiziellen Biennaleprogramm – in Venedig zu sehen, in der Chiesa di Sant’Antonin im Sestiere Castello, allerdings nur bis 31. Juli. Sehr ergreifend ist das also, wenngleich sicher nicht unproblematisch, bleiben die Opfer des Terrorangriffs der Hamas auf Menschen in Israel am 7. Oktober 2023 doch unbetrauert. Aber das ist eine Frage der Kritik und sicher nicht des Cancelns.
Gabrielle Goliath – Elegy. Castello, Chiesa di Sant’Antonin, 5. Mai bis 31. Juli 2026, Di-Sa, freier Eintritt.
Official – Unofficial – Belarus (19)
Ausstellungsansicht: Official. Unofficial. Belarus. in La Chiesa di San Giovanni Evangelista, eine Nebenausstellung der 61. Internationalen Kunstausstellung – La Biennale di Venezia. Courtesy of Belarus Free Theatre. Foto: Dasha Trofimova.
Das Belarus Free Theatre (BFT), ursprünglich ein Theaterkollektiv im belarusischen Untergrund, heute im Londoner Exil, hat in der Chiesa di San Giovanni Evangelista in San Polo eine beeindruckende Ausstellung widerständiger, belarusischer Gegenwartskunst eingerichtet.
Sergey Grinevich (*1960 in Grodno) etwa zeigt Gemälde einer gegenwärtigen Passionsgeschichte, Daniella Kaliada und Natalia Kaliada überformen religiöse Objekte zu Instrumenten eines totalitären Überwachungsstaats (Surveillance Crucifix / Confessional of the System), Nicolai Khalezin (*1964 in Minsk) hat eine, aus in Belarus verbotenen Büchern gepresste Weltkugel mitgebracht (Dogs of Europe) u.v.m.
Besonders bewegend aber sind Erfahrungsberichte von freigelassenen politischen Gefangenen, zum Schutz der Anonymität der Verfolgten gelesen u.a. von Schauspieler:innen wie Stephen Fry und Jude Law (Voice Overs).
Official – Unofficial – Belarus. San Polo, San Giovanni Evangelista, Belarus Free Theatre, 9. Mai bis 22. November 2026, Di-So, freier Eintritt.
Dayanita Singh – Archivio (Sin)
Ausstellungsansicht Dayanita Singh – Archivio, Venedig, Archivio di Stato.
Zugegeben, das ist möglicherweise in erster Linie für Menschen von besonderem Interesse, die von Archiven, Dokumenten, Büchern und anderen Traditionsquellen der kollektiven Erinnerung fasziniert sind. Denen jedenfalls lege ich einen Besuch des Archivio di Stato am Rio Terà San Tomà in San Polo sehr ans Herz. Es ist das erste Mal, dass das Staatliche Archiv in Venedig einen Saal für eine Kunstausstellung zur Verfügung stellt.
Die indische Fotografin Dayanita Singh (*1961 in Neu-Delhi) ist seit mehr als zwei Jahrzehnten auch in Italien unterwegs und macht Fotos u.a. von Archiven und Menschen, die in Archiven arbeiten, von Bibliotheken, von Denkmälern und Museumsbeständen. Die Schwarzweißbilder stammen aus sieben italienischen Städten, von Venedig über Rom bis Palermo.
Man darf sich durch das Understatement der kompakten Präsentation in Form von Bildstelen nicht täuschen lassen: Es sind mehr als 300 Fotografien, die diese Ausstellung umfasst. Sie ist leider nur bis Ende Juli zu sehen.
Dayanita Singh – Archivio. San Polo, Rio Terà San Tomà, Archivio di Stato, 17. April bis 31. Juli 2026, Mo-Fr (12-18h), freier Eintritt.
Die Ausstellungen haben unterschiedliche Öffnungszeiten und Ruhetage. Bitte informieren Sie sich vor einem Besuchsversuch auf den Seiten der Veranstalter, ich will ja nicht, dass Sie vor verschlossenen Türen stehen.