Kulturraum NRW


Die besten nationalen Pavillons – Biennale Venedig 2026

Eine Auswahl

Der Vatikan, Frankreich, Großbritannien, Deutschland, Spanien, Polen, Argentinien, die Bahamas, Island und Montenegro: Ein Rundgang durch die besten Pavillons der 61. Internationalen Kunstausstellung in Venedig 2026.

Biennale Venedig 2026, In Minor Keys. Werbebanner an der Brücke über den Rio della Tana. Foto: jvf

Exakt 100 nationale Beiträge („parte­cipa­zioni nazio­nali“) hat die 61. Kunst­biennale Venedig im Programm – von Ägypten bis Zypern. Das ist natur­gemäß eine kaum zu bewältigende Menge an Pavillons, wenn man sich nicht mindes­tens vier­fünf Tage dafür Zeit nehmen kann.

Welche Pavillons in den Giardini, dem Arsenale und auch an anderen Spiel­­orten der Stadt (die häufig zu Unrecht übersehen werden) gilt es, auf keinen Fall zu ver­säumen?

Sehr viel Aufmerksamkeit der Medien und Besucher:innen konzentriert sich auf den Pavillon Österreichs mit den spektakulären Performances von Florentina Holzinger (*1986 in Wien) sowie den Pavillon Japans, in dem Ei Arakawa-Nash (*1977 in Fukushima) 200 sonnenbebrillte, coole Baby-Puppen für eine Kurzzeitelternschaft austeilt.

Pavillons Österreich / Japan, Seaworld Venice / Grass Babies, Moon Babies. 61. Inter­nationale Kunst­ausstellung – La Biennale di Venezia, In Minor Keys. Foto: Andrea Avezzù / Luca Zambelli Bais, Courtesy: La Biennale di Venezia
Pavillons Österreich / Japan, Seaworld Venice / Grass Babies, Moon Babies. 61. Inter­nationale Kunst­ausstellung – La Biennale di Venezia, In Minor Keys. Foto: Andrea Avezzù / Luca Zambelli Bais, Courtesy: La Biennale di Venezia.

Keine Frage, Holzingers Seaworld Venice hat sehr starke Bilder und Szenen von abgründigem bis brachialem Humor, und Arakawa-Nash’ Grass Babies, Moon Babies kann man nicht anders als mit einem breiten Grinsen bei­wohnen. Aber ich will zehn andere Pavillons als die besten der Biennale Venedig 2026 empfehlen.

Die Liste für ganz eilige Men­schen – auf die Agenda für einen Besuch der Biennale gehören:

Alexander Kluge, Soundwalk Collective u.a.: The Ear is the Eye of the Soul (Vatikan)

Pavillon des Vatikan, The Ear is the Eye of the Soul. Giardino Mistico, Venedig. 61. Inter­nationale Kunst­ausstellung – La Biennale di Venezia, In Minor Keys. Foto: David Levene
Pavillon des Vatikan, The Ear is the Eye of the Soul. Giardino Mistico, Venedig. 61. Inter­nationale Kunst­ausstellung – La Biennale di Venezia, In Minor Keys. Foto: David Levene.

Zweifelsfrei einer der besten nationalen Bei­träge zur 61. Kunst­biennale Vene­dig ist der zwei­teilige Auf­tritt des Vatikan­staats. Kuratiert von Hans Ulrich Obrist und Ben Vickers bietet der Heilige Stuhl einige Prominenz auf, um sich künst­lerisch und essay­istisch mit Leben und Werk der deutschen Mystikerin Hilde­gard von Bingen (1098-1179) auseinander­zu­setzen.

Gleich neben dem Bahn­hof führt ein Sound­walk mit einer berühren­den Musik-, Text- und Klang­collage durch den wunder­schönen „Mystischen Garten“ der Unbe­schuhten Karme­liten. Zu den Künst­ler:innen, die unter Leitung des Sound­walk Collec­tive daran mit­gewirkt haben, dass hier, inspi­riert von der Heiligen Hilde­gard, „das Ohr zum Auge der Seele“ werden kann, gehören Mere­dith Monk, Patti Smith, Brian Eno, Jim Jar­musch und Otobong Nkanga.

Pavillon des Vatikan, The Ear is the Eye of the Soul. Complesso di Santa Maria Ausiliatrice. 61. Inter­nationale Kunst­ausstellung – La Biennale di Venezia, In Minor Keys. Foto: Luca Zambelli Bais, Courtesy: La Biennale di Venezia
Pavillon des Vatikan, The Ear is the Eye of the Soul. Complesso di Santa Maria Ausiliatrice. 61. Inter­nationale Kunst­ausstellung – La Biennale di Venezia, In Minor Keys. Foto: Luca Zambelli Bais, Courtesy: La Biennale di Venezia.

Ganz am anderen Ende der Stadt, im Complesso di Santa Maria Ausilia­trice, ist – die Ästhetik der Renovierungs­arbeiten am Komplex auf­greifend – die letzte Arbeit des im März ver­storbenen Alexan­der Kluge (1932-2026) einge­richtet. Die zwölf Kapitel umfas­sende Multimedia-Installation mit Bild­material, Videos und Zitaten umkreist die Gedanken und die Welt der Hilde­gard von Bingen.

Falls der assozia­tive und enzyklo­pädisch geweitete Zugriff des Universal­gelehrten Kluge jemanden teil­weise über­fordert zurück­lässt (ich gebe gerne zu, dass es mir so ging), hilft ein bei­gefügter Lese­saal, in dem Schriften von und Literatur zu Hilde­gard von Bingen in mehreren Sprachen aus­liegen. Anfangs muss es dazu auch Kräuter­tee aus der Benediktiner­innen­abtei St. Hilde­gard gegeben haben, aber bei meinem Besuch war der Tee­kocher kaputt.

Praktischer Hinweis: Vernünftigerweise ist der Einlass zum Giardino Mistico begrenzt, auf je 10 Besucher:innen je Viertelstunde für einen – knapp bemessenen – einstündigen Aufenthalt. Man braucht eine Reservierung für den Timeslot. Informationen zum Vorgehen gibt es auf den Seiten des Dikasteriums für Kultur und Bildung: dce.va.

Padiglione della Santa Sede. Cannaregio, Giardino Mistico del Carmelitani Scalzi, VAb / Castello, Complesso Santa Maria Ausiliatrice, VAa.

Yto Barrada, Comme Saturne (Frankreich)

Französischer Pavillon, Comme Saturne. 61. Inter­nationale Kunst­ausstellung – La Biennale di Venezia, In Minor Keys. Foto: Jacopo Salvi, Courtesy: La Biennale di Venezia
Französischer Pavillon, Comme Saturne. 61. Inter­nationale Kunst­ausstellung – La Biennale di Venezia, In Minor Keys. Foto: Jacopo Salvi, Courtesy: La Biennale di Venezia.

Drüben in den Giardini hat die französisch-marokka­nische Künst­lerin Yto Barrada (*1971 in Paris) ihre Arbeiten im Porti­kus und den vier Sälen des fran­zösischen Pavillons unter dem Titel Comme Saturne arran­giert.

Dies wohl weniger in Anspielung auf den Planeten, eher schon auf den Gott der Zeit (Kronos) und der Saat in der römischen Mytho­logie, sicher aber auf die berühm­ten letz­ten Worte des Giron­disten Vergniaud: „Die Revolu­tion ist wie Saturn – sie frisst ihre eigenen Kinder“.

Vielleicht fängt man am besten an mit dem etwas abge­dunkelten, zur Ver­senkung ein­ladenden Salle des études, dem „Studier­zimmer“, wo 71 trikolore­artige Farbfeld­bilder aus Woll­stoff Grund­lagen Für eine neue Farben­lehre bereit­stellen.

Französischer Pavillon, Comme Saturne. 61. Inter­nationale Kunst­ausstellung – La Biennale di Venezia, In Minor Keys. Foto: Marco Zorzanello, Courtesy: La Biennale di Venezia
Französischer Pavillon, Comme Saturne. 61. Inter­nationale Kunst­ausstellung – La Biennale di Venezia, In Minor Keys. Foto: Marco Zorzanello, Courtesy: La Biennale di Venezia.

Die anspielungsreichen Arbeiten im zentralen Saal und den beiden Seitenflügeln (dem Salle de travail und dem Salle de la mélan­cholie) könnten einen halben Tag beschäftigen (abseits der Aufgeregt­heit vieler anderer Pavillons).

Während der den Mittel­saal domi­nierende Omphalos, hier ein bestufter Felsen, etwas trivial erscheinen mag, gilt das mit­nichten für die mittels Säure trans­parent gemachten Farbfeld-Tapisserien, die wort­spielerischen Text­tafeln oder die etwas beängsti­genden, eisernen „Entwöhnungs­masken“ (Muselières anti-tétée), die Kindern des Saturn sicherheits­halber sehr anzu­raten sind.

Padiglione della Francia. Giardini, FR.

Lubaina Himid, Predicting History: Testing Translation (Großbritannien)

Britischer Pavillon, Predicting History: Testing Translation. 61. Inter­nationale Kunst­ausstellung – La Biennale di Venezia, In Minor Keys. Foto: Andrea Avezzù, Courtesy: La Biennale di Venezia
Britischer Pavillon, Predicting History: Testing Translation. 61. Inter­nationale Kunst­ausstellung – La Biennale di Venezia, In Minor Keys. Foto: Andrea Avezzù, Courtesy: La Biennale di Venezia.

Gleich nebenan, im britischen Pavillon mit Lubaina Himid (*1954 in Sansi­bar), Turner-Preis­trägerin und grande dame des britischen Black Art Move­ment, hat es eingangs an der Wand ein Questionnaire mit 26 Fragen zu den Themen Zugehörig­keit und Zuhause­sein an neuen Orten. „Where do you come from?“, „Where do you belong?“.

Fünf monumentale, malerische Instal­lationen lassen Paare von Hand­werker:innen in sur­realen und durch Symbole erweiterten Umgebungen an identitäts­stiftenden Dingen arbeiten: die Behausung, der Garten, die Kleidung, das Essen. Der Boots­bau mag den Orts­wechsel ermöglichen.

Britischer Pavillon, Predicting History: Testing Translation. 61. Inter­nationale Kunst­ausstellung – La Biennale di Venezia, In Minor Keys. Foto: Andrea Avezzù, Courtesy: La Biennale di Venezia
Britischer Pavillon, Predicting History: Testing Translation. 61. Inter­nationale Kunst­ausstellung – La Biennale di Venezia, In Minor Keys. Foto: Andrea Avezzù, Courtesy: La Biennale di Venezia.

In die 26 Fragen sind drei irritierende Wider­haken eingefügt, die malerisch frag­los, also ohne Fragezeichen, aufge­griffen werden: „Can poison taste deli­cious? Can flies settle here? Is water always use­ful?“

Eingebettet sind Himids Arbeiten in eine Klang­landschaft von Magda Stawarska (*1976): Vogel­gezwitscher und das Rauschen von Wasser, das Summen eines Insekten­schwarms. Die akustische Idylle wird in Frage gestellt durch eine Frauen­stimme, die sich ein­mengt mit einem wehmütig gesungenen Early one morning von Benja­min Britten: „O don’t deceive me, O do not leave me!“.

Padiglione della Gran Bretagna. Giardini, GB.

Henrike Naumann und Sung Tieu, Ruin (Deutschland)

Deutscher Pavillon, Ruin. 61. Inter­nationale Kunst­ausstellung – La Biennale di Venezia, In Minor Keys. Foto: Andrea Avezzù, Courtesy: La Biennale di Venezia
Deutscher Pavillon, Ruin. 61. Inter­nationale Kunst­ausstellung – La Biennale di Venezia, In Minor Keys. Foto: Andrea Avezzù, Courtesy: La Biennale di Venezia.

Der deutsche Pavillon mit Arbeiten der Berliner Installations- und Multimedia­künstlerinnen Henrike Naumann (1984-2026) und Sung Tieu (*1987 in Hải Dương) ist mit dem, auf den ersten Blick etwas defätistisch anmutenden Titel Ruin gelabelt.

Davon darf man sich nicht abschrecken lassen. Es gibt eine spannende Konstellation zweier sehr unterschiedlicher künstlerischer Zugriffe auf die jüngste deutsche Geschichte. Und es hat Schokoladenmaikäfer und Interieurs aus der Zeit vor der letzten Jahrhundertwende. Davon sei aber an anderer Stelle ausführlicher gesprochen.

Padiglione della Germania. Giardini, DE.

Oriol Vilanova, Los restos (Spanien)

Spanischer Pavillon, Los restos. 61. Inter­nationale Kunst­ausstellung – La Biennale di Venezia, In Minor Keys. Foto: Jacopo Salvi, Courtesy: La Biennale di Venezia
Spanischer Pavillon, Los restos. 61. Inter­nationale Kunst­ausstellung – La Biennale di Venezia, In Minor Keys. Foto: Jacopo Salvi, Courtesy: La Biennale di Venezia.

Zugegeben, man muss wohl eine gewisse Faszina­tion für die obses­siven Aspekte künst­lerischer Praxis mit­bringen, um die Arbeit von Oriol Vila­nova (*1980 in Manresa) im spanischen Pavillon voll­umfäng­lich würdigen zu können.

Für Los restos sind die Säle leer­geräumt, aber die Wände flächen­deckend mit Abbildungen von Ansichts­karten in Original­größe tape­ziert. Weit mehr als 100.000 soll Vila­nova in den letzten zwanzig Jahren auf Floh­märkten gesammelt haben. Ich kann nicht einmal schätzen, wie viele davon jetzt im spanischen Haus verwendet werden.

Spanischer Pavillon, Los restos. 61. Inter­nationale Kunst­ausstellung – La Biennale di Venezia, In Minor Keys. Foto: Marco Zorzanello, Courtesy: La Biennale di Venezia
Spanischer Pavillon, Los restos. 61. Inter­nationale Kunst­ausstellung – La Biennale di Venezia, In Minor Keys. Foto: Marco Zorzanello, Courtesy: La Biennale di Venezia.

Die Karten sind in thematische Cluster sortiert: Vogel-, Katzen- und Hunde­bilder, Portraits von Päpsten und gekrönten Häuptern, Stadt­ansichten bei Tag und bei Nacht, Land­schaften sommers wie winters, Kultur­denkmäler, Museums­bestände u.v.m. Die standardi­sierte Bild­sprache und die Clusterung sorgen dafür, dass in der Gesamt­sicht (und ohne Brille) die Wimmel­bilder zu Farb­flächen ver­schwimmen.

Ich weiß nicht, ob die Karten gelaufen sind. Die Möglich­keit, dass auf den Rück­seiten unerzählte Geschichten zu finden wären und was die – mittels einer vermut­lich aussterbenden Kommunikations­form – geteilten Erinnerungen über ihre Absender und Empfänger ver­raten könnten, macht jeden­falls einen Teil der Faszina­tion dieser Collage aus. Man kann sich die Geschichten ja auch erfinden, hat dann aber viel zu tun.

Padiglione della Spagna. Giardini, ES.

Bogna Burska und Daniel Kotowski, Liquid Tongues (Polen)

Bogna Burska / Daniel Kotowski, Liquid Tongues, 2026, Video Still, Zachęta Archive
Bogna Burska / Daniel Kotowski, Liquid Tongues, 2026, Video Still, Zachęta Archive.

Spötter:innen könnten behaupten, dass der Bericht­erstatter nur wegen der ab­surden Vor­gängen um den un­längst in der Ost­see gestran­deten und jetzt tra­gisch ver­endeten Buckel­wal „Timmy“ den pol­nischen Bei­trag zur Biennale be­sonders schätzt. Das wäre aber Quatsch.

Bogna Burska (*1974 in Warschau) und Daniel Kotowski (*1993 in Łomża) finden in ihrer Zweikanal-Video­installation von halb­stündiger Lauf­zeit eine visuell und musi­kalisch über­zeugende bis hin­reißende Sprache für die Kommunikation über und unter Wasser.

Bogna Burska / Daniel Kotowski, Liquid Tongues, 2026, Video Still, Zachęta Archive
Bogna Burska / Daniel Kotowski, Liquid Tongues, 2026, Video Still, Zachęta Archive.

Inspiriert von Roger Paynes legen­dären Auf­nahmen der Songs of the Hump­back Whale (1970) und dem Māori-Mythos der Wal­reiterin per­formen die 30 gehör­losen und hören­den Mit­glieder des Chór w Ruchu (Chor in Bewegung) ihre Choreo­graphie und ihren Gesang in phone­tischem Eng­lisch und in Inter­nationaler Gebärden­sprache: „She came on the back of a whale.“

Daniel Kotowski: „Wir sind es gewohnt, die gesprochene Sprache als die natür­lichste Form anzu­sehen und sie als die vor­rangige Form der Kommuni­kation zu betrachten. Andere Formen wurden lange Zeit an den Rand gedrängt. Die Bewahrung alter­nativer Kommunikations­formen bedeutet auch, viel­fältige Denk­weisen und Welt­anschauungen zu schützen.“

Padiglione della Polonia. Giardini, PL.

Matias Duville, Monitor Yin Yang (Argentinien)

Argentinischer Pavillon, Monitor Yin Yang. 61. Inter­nationale Kunst­ausstellung – La Biennale di Venezia, In Minor Keys. Foto: Jacopo Salvi, Courtesy: La Biennale di Venezia
Argentinischer Pavillon, Monitor Yin Yang. 61. Inter­nationale Kunst­ausstellung – La Biennale di Venezia, In Minor Keys. Foto: Jacopo Salvi, Courtesy: La Biennale di Venezia.

Im Pavillon Argentiniens hat Matias Duville (*1974 in Buenos Aires) eine instabile, begeh­bare Zeich­nung aus Kohle auf Salz ausgelegt. Die Land­schaft hat Berge, Wälder, einen Fluss mit Wasser­fall. Aber die Karto­grafie einer Idylle ist versehen mit Symbolen der Konsum­moderne: Ein Staub­sauger, Auto­mobile, ein Motorrad­helm, Hoch­häuser, auch etwas, das wie ein Ausweis oder eine Zugangs­berechtigung aus­sieht.

Der Spaziergang durch die gezeich­nete Land­schaft wird unter­legt von einem Sound­track, in dem ambient-harmonische Akkord­zerlegungen auf dem Klavier von beun­ruhigenden, düsteren bis alarmis­tischen Sounds über­lagert werden. Angeb­lich wird der Sound­track von Umwelt­daten Venedigs gesteuert (ich vermute, dass das Quatsch ist).

Argentinischer Pavillon, Monitor Yin Yang. 61. Inter­nationale Kunst­ausstellung – La Biennale di Venezia, In Minor Keys. Foto: Giacomo Bianco, Courtesy: Barro Galeria
Argentinischer Pavillon, Monitor Yin Yang. 61. Inter­nationale Kunst­ausstellung – La Biennale di Venezia, In Minor Keys. Foto: Giacomo Bianco, Courtesy: Barro Galeria.

Auf dem Weg durch die Instal­lation sind keine Kameras zu sehen, aber auf dem Weg nach draußen kommt man an dem Arbeits­platz eines Wachdienst­habenden mit seinen titel­gebenden Monitoren vorbei. Die meisten Besucher:innen scheinen das kaum zur Kennt­nis zu nehmen. Offen­bar ist die Über­wachung in öffent­lichen Räumen kaum noch wahr­nehmbar, erst recht kein Stör­faktor mehr.

Der Überwachungsaspekt von Duvilles Arbeit wird ins Netz ver­längert: Die Web­site zum Pavillon hat Webcam-Bilder (monitoryinyang.com). Die Videos sind aber – dies sei zur datenschutz­rechtlichen Beruhigung gesagt – zwar mit aktuellen Zeit­stempeln versehen, zeigen aber einen Loop aufge­zeichneter Bilder.

Padiglione dell’Argentina. Arsenale, Sala d’Armi, AR.

John Beadle und Lavar Munroe, Another Man’s Yard (Bahamas)

Ausstellungsansicht. Pavillon der Bahamas, In Another Man's Yard – John Beadle, Lavar Munroe, and the Spirit of (Posthumous) Collaboration. Abgebildete Werke von Lavar Munroe and John Beadle. Foto: Francesco Allegretto
Ausstellungsansicht. Pavillon der Bahamas, In Another Man's Yard – John Beadle, Lavar Munroe, and the Spirit of (Posthumous) Collaboration. Abgebildete Werke von Lavar Munroe and John Beadle. Foto: Francesco Allegretto.

Jenseits des Kanals, im Sestiere Dorso­duro, haben die Bahamas einen starken Auf­tritt mit Arbeiten des ver­storbenen John Beadle (1964-2024) und des, eine Genera­tion jüngeren Lavar Munroe (*1982 in Nassau).

Werke beider Künstler greifen bild­nerische Tradi­tionen sowie kollabo­rative Prak­tiken der Bahamas und der afrika­nischen Diaspora auf, vor allem die Tradi­tion des „Junk­anoo“, eines kari­bischen Festes mit afrika­nischen Wurzeln, das Musik, Tanz, Prozes­sionen in Kostümen und Masken verbindet: „Das kulturelle Funda­ment der Bahamas“ (Beadle).

Gemälde, Reliefs, Skulpturen und Instal­lationen adres­sieren soziale Themen wie Migra­tion, Aus­beutung, kulturelle Identi­tät und spiri­tuelle Praxis, oft unter Ver­wendung von gefundenen Ob­jekten und Alltags­materialien wie Karton oder Segel­tuch.

Lavar Munroe, No Matter How Dreary and Gray, We People of Flesh and Blood Would Rather Live Here, Than in Another Man's Yard (Bridge Over Troubled Water), 2026. Acrylfarbe, Sprühfarbe, Latex-Wandfarbe, Airbrush, Mischtechnik. Variable Dimensionen. Courtesy the artist, The Bahamas Pavilion, Larkin Durey, Monique Meloche. Foto: Larkin Durey
Lavar Munroe, No Matter How Dreary and Gray, We People of Flesh and Blood Would Rather Live Here, Than in Another Man's Yard (Bridge Over Troubled Water), 2026. Acrylfarbe, Sprühfarbe, Latex-Wandfarbe, Airbrush, Mischtechnik. Variable Dimensionen. Courtesy the artist, The Bahamas Pavilion, Larkin Durey, Monique Meloche. Foto: Larkin Durey.

Abschließender Höhepunkt der mit­reißenden Aus­stellung ist eine Gemälde­serie von Lavar Munroe, die in Gedenken an John Beadle eine Junkanoo-Prozession für den Ver­storbenen imagi­niert. Entlang der ver­regneten Küste zieht sich der Kreis der Musi­zierenden, Tan­zenden, Trauernden. Eine Trauernde trägt eine Zeitung unter dem Arm, deren Titel­seite vom Tod Beadles berichtet.

Bereits für die Biennale 2015 gab es den Plan, Beadle in einem Pavillon der Bahamas auszu­stellen. Die Finan­zierung dafür kam nicht zu­stande. Arbeiten von Lavar Munroe waren im gleichen Jahr in der von Okwui Enwezor kuratierten Zentral­ausstellung zu sehen.

Padiglione delle Bahamas. Dorsoduro, Fondamenta Nani, San Trovaso Art Space, BS.

Ásta Fanney Sigurðardóttir, Pocket Universe (Island)

Ásta Fanney Sigurðardóttir, Hero Form, 2026. Foto: Sandijs Ruluks. Courtesy of the artist ©Ásta Fanney Sigurðardóttir
Ásta Fanney Sigurðardóttir, Hero Form, 2026. Foto: Sandijs Ruluks. Courtesy of the artist ©Ásta Fanney Sigurðardóttir.

Ich weiß nicht, ob alle Besucher:in­nen dem Charme der Arbeit von Ásta Fanney Sigurðardóttir (*1987 in Reykja­vík) im islän­dischen Pavillon so er­liegen werden wie ich. Aber die fil­mische Erzählung von der Ent­stehung des Uni­versums aus einer Erd­beere oder auch aus einer, von drei weiß gewandeten Priester­innen im Strand­sand ver­grabenen Kugel, diese aus­geprochen inkonsis­tente Er­zählung ist von sehr über­zeugender Wahrhaftig­keit.

Wichtiger noch ist aber „Creature Zero“, ein zotteliges Wesen, dessen Fell an die Kunst­faser-Flokatis meiner Jugend erinnert. Diese erste Kreatur ist auf dem Weg durch die Welt (die sehr nach Island ausschaut) auf der Suche nach dem Ursprungs­felsen. Sie kann wünschel­rutelnd über Wolken wandern und im ewigen Eis mächtige Schatten werfen. Und „Creature Zero“ ist äußerst empfind­sam, wie ein Mono­log in einem eigenschafts­losen Hotel­zimmer offen­bart. Aber Vorsicht: Sie hat recht lange Finger­nägel.

Ásta Fanney Sigurðardóttir, Universal Tale, 2026. Filmstill. Courtesy of the artist ©Ásta Fanney Sigurðardóttir / Timothée Lambrecq
Ásta Fanney Sigurðardóttir, Universal Tale, 2026. Filmstill. Courtesy of the artist ©Ásta Fanney Sigurðardóttir / Timothée Lambrecq.

Und das titelgebende Taschen­universum, was mag das sein?: „Stellen wir uns eine unsicht­bare Tasche vor, die ewig und unend­lich ist, ohne Boden – darin befindet sich alles Mög­liche. Was ist das?“, so heißt es in einem der im Vor­raum ausgestellten Pergamente (neben Star­portraits der Creature Zero und so etwas wie einem magischen Kreis, in dem ein Stuhl für „Ásta’s Engel“ reser­viert ist).

Ásta sagt über ihre Arbeit mit Blick auf schwierige Zeiten: „Wenn sich die Realität fest­gefahren oder chao­tisch anfühlt, fällt es schwer, sich Ver­änderungen vorzu­stellen oder gar deren Möglich­keit zu erkennen. Die Aus­stellung beleuchtet diese Gedanken anhand von Mythen und Er­zählungen, Schick­sal und freiem Willen, Perspektiv­wechseln sowie der Bild­sprache von Glück und Hoffnung und fragt dabei, wie wir die Zerbrechlich­keit des Sanften und des Unbe­kannten schützen können, da­durch, dass wir ein neues Gewebe in unsere Geschichte ein­flechten.“

Padiglione dell’Islanda. Castello, San Pietro, Docks Cantieri Cucchini, IS.

Siniša Radulović, Out of the Blue, I’m Swept Away, (Monte­negro)

Pavillon Montenegros am Campo San Lorenzo: Siniša Radulović, „Out of the Blue, I’m Swept Away“. 61. Inter­nationale Kunst­ausstellung – La Biennale di Venezia, In Minor Keys. Foto: jvf
Pavillon Montenegros am Campo San Lorenzo: Siniša Radulović, „Out of the Blue, I’m Swept Away“. 61. Inter­nationale Kunst­ausstellung – La Biennale di Venezia, In Minor Keys. Foto: jvf.

Im montenegrinischen Pavillon am Campo San Lorenzo zeigt Siniša Radulović (*1983 in Podgorica) eine starke, viel­schichtige Multimedia-Installation, die Fragen zur Bild­gebung und zu visuellen Medien der Welt­wahrnehmung offen hält.

In einer Dunkel­kammer ein­gangs hängt ein Ding, das zunächst wie eine retro­futuristische Raum­sonde erscheinen mag. Expert:innen wissen, dass es sich um einen Meopta-Magnifax-Ver­größerer handelt, wie er etwa in den 1960er Jahren zur Ent­wicklung analoger Filme ver­wendet wurde.

Im Hauptraum bewegt man sich über eine Glas­fläche, unter der in einer dys­topischen Stadt­landschaft seriell gefertigte Menschen­figuren in den kahlen Grund­rissen standardi­sierter Junkspace-Wohnungen hausen. Die Figuren sind in Grau­stufen gefärbt, nur in der äußersten Peri­pherie dieser toten Stadt gewinnen die Figuren etwas Farbe und Anzeichen von Individu­alität.

Zu einem Pfeiler des Saals hin hat es einen chaotischen Menschen­figuren­auflauf. Welcher Ver­heißung die Figuren ent­gegen­stürzen, bleibt offen. An den Wänden des Saals (ober­halb der Glas­fläche, also in der Welt der Besucher:innen) entwirft ein Video in flüchtigen und unscharfen Nah­aufnahmen eines mensch­lichen Körpers dagegen eine Utopie der Intimi­tät.

In einem kleinen, anschließenden Raum zeigen zwei Hand­voll Foto­grafien Frag­mente der Ding­welt, vornehm­lich als Ab­bildungen von Modellen und Repräsen­tationen von Ob­jekten. Die Foto­grafien sind – so lerne ich – mittels des im 19. Jahr­hundert verwen­deten Kollodium-Nassplatten-Verfahrens ent­wickelt, was den Ein­druck der Unwirklich­keit und Mittelbar­keit der Bilder noch ver­stärkt.

Padiglione del Montenegro. Castello, Campo San Lorenzo, Spazio Arte­nova, ME.

Und sonst?

Wenn ich mir die Bericht­erstattung in der inter­nationalen, vor allem angel­sächsischen Presse anschaue, sind einige der hier genannten Pavillons eher Außenseiter­tipps. Die Pavillons Monte­negros, der Bahamas, Islands, Argen­tiniens und – sehr verblüffend – auch Frank­reichs finden kaum Aufmerksam­keit.

Neben der etwas sensationalis­tisch geprägten Fokus­sierung der Bericht­erstattung auf den öster­reichischen und auch den japa­nischen Pavillon finden die nationalen Beiträge Indiens (Arsenale), Kanadas, Belgiens und Süd­koreas (alle Giardini) deut­lich mehr Beachtung.

Karte beste nationale Beiträge, Neben- und Parallel­ausstellungen

Karte Venedig mit Auswahl von nationalen Beiträge, Neben- und Parallelausstellungen