Die besten nationalen Pavillons – Biennale Venedig 2026
Eine Auswahl
Der Vatikan, Frankreich, Großbritannien, Deutschland, Spanien, Polen, Argentinien, die Bahamas, Island und Montenegro: Ein Rundgang durch die besten Pavillons der 61. Internationalen Kunstausstellung in Venedig 2026.
Exakt 100 nationale Beiträge („partecipazioni nazionali“) hat die 61. Kunstbiennale Venedig im Programm – von Ägypten bis Zypern. Das ist naturgemäß eine kaum zu bewältigende Menge an Pavillons, wenn man sich nicht mindestens vierfünf Tage dafür Zeit nehmen kann.
Welche Pavillons in den Giardini, dem Arsenale und auch an anderen Spielorten der Stadt (die häufig zu Unrecht übersehen werden) gilt es, auf keinen Fall zu versäumen?
Sehr viel Aufmerksamkeit der Medien und Besucher:innen konzentriert sich auf den Pavillon Österreichs mit den spektakulären Performances von Florentina Holzinger (*1986 in Wien) sowie den Pavillon Japans, in dem Ei Arakawa-Nash (*1977 in Fukushima) 200 sonnenbebrillte, coole Baby-Puppen für eine Kurzzeitelternschaft austeilt.
Pavillons Österreich / Japan, Seaworld Venice / Grass Babies, Moon Babies. 61. Internationale Kunstausstellung – La Biennale di Venezia, In Minor Keys. Foto: Andrea Avezzù / Luca Zambelli Bais, Courtesy: La Biennale di Venezia.
Keine Frage, Holzingers Seaworld Venice hat sehr starke Bilder und Szenen von abgründigem bis brachialem Humor, und Arakawa-Nash’ Grass Babies, Moon Babies kann man nicht anders als mit einem breiten Grinsen beiwohnen. Aber ich will zehn andere Pavillons als die besten der Biennale Venedig 2026 empfehlen.
Die Liste für ganz eilige Menschen – auf die Agenda für einen Besuch der Biennale gehören:
- The Ear is the Eye of the Soul für den Vatikan (Castello / Cannaregio)
- Yto Barrada für Frankreich (Giardini)
- Lubaina Himid für Großbritannien (Giardini)
- Henrike Naumann und Sung Tieu für Deutschland (Giardini)
- Bogna Burska und Daniel Kotowski für Polen (Giardini)
- Oriol Vilanova für Spanien (Giardini)
- Matias Duville für Argentinien (Arsenale)
- John Beadle und Lavar Munroe für die Bahamas (Dorsoduro)
- Ásta Fanney Sigurðardóttir für Island (Castello)
- Siniša Radulović für Montenegro (Castello)
Alexander Kluge, Soundwalk Collective u.a.: The Ear is the Eye of the Soul (Vatikan)
Pavillon des Vatikan, The Ear is the Eye of the Soul. Giardino Mistico, Venedig. 61. Internationale Kunstausstellung – La Biennale di Venezia, In Minor Keys. Foto: David Levene.
Zweifelsfrei einer der besten nationalen Beiträge zur 61. Kunstbiennale Venedig ist der zweiteilige Auftritt des Vatikanstaats. Kuratiert von Hans Ulrich Obrist und Ben Vickers bietet der Heilige Stuhl einige Prominenz auf, um sich künstlerisch und essayistisch mit Leben und Werk der deutschen Mystikerin Hildegard von Bingen (1098-1179) auseinanderzusetzen.
Gleich neben dem Bahnhof führt ein Soundwalk mit einer berührenden Musik-, Text- und Klangcollage durch den wunderschönen „Mystischen Garten“ der Unbeschuhten Karmeliten. Zu den Künstler:innen, die unter Leitung des Soundwalk Collective daran mitgewirkt haben, dass hier, inspiriert von der Heiligen Hildegard, „das Ohr zum Auge der Seele“ werden kann, gehören Meredith Monk, Patti Smith, Brian Eno, Jim Jarmusch und Otobong Nkanga.
Pavillon des Vatikan, The Ear is the Eye of the Soul. Complesso di Santa Maria Ausiliatrice. 61. Internationale Kunstausstellung – La Biennale di Venezia, In Minor Keys. Foto: Luca Zambelli Bais, Courtesy: La Biennale di Venezia.
Ganz am anderen Ende der Stadt, im Complesso di Santa Maria Ausiliatrice, ist – die Ästhetik der Renovierungsarbeiten am Komplex aufgreifend – die letzte Arbeit des im März verstorbenen Alexander Kluge (1932-2026) eingerichtet. Die zwölf Kapitel umfassende Multimedia-Installation mit Bildmaterial, Videos und Zitaten umkreist die Gedanken und die Welt der Hildegard von Bingen.
Falls der assoziative und enzyklopädisch geweitete Zugriff des Universalgelehrten Kluge jemanden teilweise überfordert zurücklässt (ich gebe gerne zu, dass es mir so ging), hilft ein beigefügter Lesesaal, in dem Schriften von und Literatur zu Hildegard von Bingen in mehreren Sprachen ausliegen. Anfangs muss es dazu auch Kräutertee aus der Benediktinerinnenabtei St. Hildegard gegeben haben, aber bei meinem Besuch war der Teekocher kaputt.
Praktischer Hinweis: Vernünftigerweise ist der Einlass zum Giardino Mistico begrenzt, auf je 10 Besucher:innen je Viertelstunde für einen – knapp bemessenen – einstündigen Aufenthalt. Man braucht eine Reservierung für den Timeslot. Informationen zum Vorgehen gibt es auf den Seiten des Dikasteriums für Kultur und Bildung: dce.va.
Padiglione della Santa Sede. Cannaregio, Giardino Mistico del Carmelitani Scalzi, VAb / Castello, Complesso Santa Maria Ausiliatrice, VAa.
Yto Barrada, Comme Saturne (Frankreich)
Französischer Pavillon, Comme Saturne. 61. Internationale Kunstausstellung – La Biennale di Venezia, In Minor Keys. Foto: Jacopo Salvi, Courtesy: La Biennale di Venezia.
Drüben in den Giardini hat die französisch-marokkanische Künstlerin Yto Barrada (*1971 in Paris) ihre Arbeiten im Portikus und den vier Sälen des französischen Pavillons unter dem Titel Comme Saturne arrangiert.
Dies wohl weniger in Anspielung auf den Planeten, eher schon auf den Gott der Zeit (Kronos) und der Saat in der römischen Mythologie, sicher aber auf die berühmten letzten Worte des Girondisten Vergniaud: „Die Revolution ist wie Saturn – sie frisst ihre eigenen Kinder“.
Vielleicht fängt man am besten an mit dem etwas abgedunkelten, zur Versenkung einladenden Salle des études, dem „Studierzimmer“, wo 71 trikoloreartige Farbfeldbilder aus Wollstoff Grundlagen Für eine neue Farbenlehre bereitstellen.
Französischer Pavillon, Comme Saturne. 61. Internationale Kunstausstellung – La Biennale di Venezia, In Minor Keys. Foto: Marco Zorzanello, Courtesy: La Biennale di Venezia.
Die anspielungsreichen Arbeiten im zentralen Saal und den beiden Seitenflügeln (dem Salle de travail und dem Salle de la mélancholie) könnten einen halben Tag beschäftigen (abseits der Aufgeregtheit vieler anderer Pavillons).
Während der den Mittelsaal dominierende Omphalos, hier ein bestufter Felsen, etwas trivial erscheinen mag, gilt das mitnichten für die mittels Säure transparent gemachten Farbfeld-Tapisserien, die wortspielerischen Texttafeln oder die etwas beängstigenden, eisernen „Entwöhnungsmasken“ (Muselières anti-tétée), die Kindern des Saturn sicherheitshalber sehr anzuraten sind.
Padiglione della Francia. Giardini, FR.
Lubaina Himid, Predicting History: Testing Translation (Großbritannien)
Britischer Pavillon, Predicting History: Testing Translation. 61. Internationale Kunstausstellung – La Biennale di Venezia, In Minor Keys. Foto: Andrea Avezzù, Courtesy: La Biennale di Venezia.
Gleich nebenan, im britischen Pavillon mit Lubaina Himid (*1954 in Sansibar), Turner-Preisträgerin und grande dame des britischen Black Art Movement, hat es eingangs an der Wand ein Questionnaire mit 26 Fragen zu den Themen Zugehörigkeit und Zuhausesein an neuen Orten. „Where do you come from?“, „Where do you belong?“.
Fünf monumentale, malerische Installationen lassen Paare von Handwerker:innen in surrealen und durch Symbole erweiterten Umgebungen an identitätsstiftenden Dingen arbeiten: die Behausung, der Garten, die Kleidung, das Essen. Der Bootsbau mag den Ortswechsel ermöglichen.
Britischer Pavillon, Predicting History: Testing Translation. 61. Internationale Kunstausstellung – La Biennale di Venezia, In Minor Keys. Foto: Andrea Avezzù, Courtesy: La Biennale di Venezia.
In die 26 Fragen sind drei irritierende Widerhaken eingefügt, die malerisch fraglos, also ohne Fragezeichen, aufgegriffen werden: „Can poison taste delicious? Can flies settle here? Is water always useful?“
Eingebettet sind Himids Arbeiten in eine Klanglandschaft von Magda Stawarska (*1976): Vogelgezwitscher und das Rauschen von Wasser, das Summen eines Insektenschwarms. Die akustische Idylle wird in Frage gestellt durch eine Frauenstimme, die sich einmengt mit einem wehmütig gesungenen Early one morning von Benjamin Britten: „O don’t deceive me, O do not leave me!“.
Padiglione della Gran Bretagna. Giardini, GB.
Henrike Naumann und Sung Tieu, Ruin (Deutschland)
Deutscher Pavillon, Ruin. 61. Internationale Kunstausstellung – La Biennale di Venezia, In Minor Keys. Foto: Andrea Avezzù, Courtesy: La Biennale di Venezia.
Der deutsche Pavillon mit Arbeiten der Berliner Installations- und Multimediakünstlerinnen Henrike Naumann (1984-2026) und Sung Tieu (*1987 in Hải Dương) ist mit dem, auf den ersten Blick etwas defätistisch anmutenden Titel Ruin gelabelt.
Davon darf man sich nicht abschrecken lassen. Es gibt eine spannende Konstellation zweier sehr unterschiedlicher künstlerischer Zugriffe auf die jüngste deutsche Geschichte. Und es hat Schokoladenmaikäfer und Interieurs aus der Zeit vor der letzten Jahrhundertwende. Davon sei aber an anderer Stelle ausführlicher gesprochen.
Padiglione della Germania. Giardini, DE.
Oriol Vilanova, Los restos (Spanien)
Spanischer Pavillon, Los restos. 61. Internationale Kunstausstellung – La Biennale di Venezia, In Minor Keys. Foto: Jacopo Salvi, Courtesy: La Biennale di Venezia.
Zugegeben, man muss wohl eine gewisse Faszination für die obsessiven Aspekte künstlerischer Praxis mitbringen, um die Arbeit von Oriol Vilanova (*1980 in Manresa) im spanischen Pavillon vollumfänglich würdigen zu können.
Für Los restos sind die Säle leergeräumt, aber die Wände flächendeckend mit Abbildungen von Ansichtskarten in Originalgröße tapeziert. Weit mehr als 100.000 soll Vilanova in den letzten zwanzig Jahren auf Flohmärkten gesammelt haben. Ich kann nicht einmal schätzen, wie viele davon jetzt im spanischen Haus verwendet werden.
Spanischer Pavillon, Los restos. 61. Internationale Kunstausstellung – La Biennale di Venezia, In Minor Keys. Foto: Marco Zorzanello, Courtesy: La Biennale di Venezia.
Die Karten sind in thematische Cluster sortiert: Vogel-, Katzen- und Hundebilder, Portraits von Päpsten und gekrönten Häuptern, Stadtansichten bei Tag und bei Nacht, Landschaften sommers wie winters, Kulturdenkmäler, Museumsbestände u.v.m. Die standardisierte Bildsprache und die Clusterung sorgen dafür, dass in der Gesamtsicht (und ohne Brille) die Wimmelbilder zu Farbflächen verschwimmen.
Ich weiß nicht, ob die Karten gelaufen sind. Die Möglichkeit, dass auf den Rückseiten unerzählte Geschichten zu finden wären und was die – mittels einer vermutlich aussterbenden Kommunikationsform – geteilten Erinnerungen über ihre Absender und Empfänger verraten könnten, macht jedenfalls einen Teil der Faszination dieser Collage aus. Man kann sich die Geschichten ja auch erfinden, hat dann aber viel zu tun.
Padiglione della Spagna. Giardini, ES.
Bogna Burska und Daniel Kotowski, Liquid Tongues (Polen)
Bogna Burska / Daniel Kotowski, Liquid Tongues, 2026, Video Still, Zachęta Archive.
Spötter:innen könnten behaupten, dass der Berichterstatter nur wegen der absurden Vorgängen um den unlängst in der Ostsee gestrandeten und jetzt tragisch verendeten Buckelwal „Timmy“ den polnischen Beitrag zur Biennale besonders schätzt. Das wäre aber Quatsch.
Bogna Burska (*1974 in Warschau) und Daniel Kotowski (*1993 in Łomża) finden in ihrer Zweikanal-Videoinstallation von halbstündiger Laufzeit eine visuell und musikalisch überzeugende bis hinreißende Sprache für die Kommunikation über und unter Wasser.
Bogna Burska / Daniel Kotowski, Liquid Tongues, 2026, Video Still, Zachęta Archive.
Inspiriert von Roger Paynes legendären Aufnahmen der Songs of the Humpback Whale (1970) und dem Māori-Mythos der Walreiterin performen die 30 gehörlosen und hörenden Mitglieder des Chór w Ruchu (Chor in Bewegung) ihre Choreographie und ihren Gesang in phonetischem Englisch und in Internationaler Gebärdensprache: „She came on the back of a whale.“
Daniel Kotowski: „Wir sind es gewohnt, die gesprochene Sprache als die natürlichste Form anzusehen und sie als die vorrangige Form der Kommunikation zu betrachten. Andere Formen wurden lange Zeit an den Rand gedrängt. Die Bewahrung alternativer Kommunikationsformen bedeutet auch, vielfältige Denkweisen und Weltanschauungen zu schützen.“
Padiglione della Polonia. Giardini, PL.
Matias Duville, Monitor Yin Yang (Argentinien)
Argentinischer Pavillon, Monitor Yin Yang. 61. Internationale Kunstausstellung – La Biennale di Venezia, In Minor Keys. Foto: Jacopo Salvi, Courtesy: La Biennale di Venezia.
Im Pavillon Argentiniens hat Matias Duville (*1974 in Buenos Aires) eine instabile, begehbare Zeichnung aus Kohle auf Salz ausgelegt. Die Landschaft hat Berge, Wälder, einen Fluss mit Wasserfall. Aber die Kartografie einer Idylle ist versehen mit Symbolen der Konsummoderne: Ein Staubsauger, Automobile, ein Motorradhelm, Hochhäuser, auch etwas, das wie ein Ausweis oder eine Zugangsberechtigung aussieht.
Der Spaziergang durch die gezeichnete Landschaft wird unterlegt von einem Soundtrack, in dem ambient-harmonische Akkordzerlegungen auf dem Klavier von beunruhigenden, düsteren bis alarmistischen Sounds überlagert werden. Angeblich wird der Soundtrack von Umweltdaten Venedigs gesteuert (ich vermute, dass das Quatsch ist).
Argentinischer Pavillon, Monitor Yin Yang. 61. Internationale Kunstausstellung – La Biennale di Venezia, In Minor Keys. Foto: Giacomo Bianco, Courtesy: Barro Galeria.
Auf dem Weg durch die Installation sind keine Kameras zu sehen, aber auf dem Weg nach draußen kommt man an dem Arbeitsplatz eines Wachdiensthabenden mit seinen titelgebenden Monitoren vorbei. Die meisten Besucher:innen scheinen das kaum zur Kenntnis zu nehmen. Offenbar ist die Überwachung in öffentlichen Räumen kaum noch wahrnehmbar, erst recht kein Störfaktor mehr.
Der Überwachungsaspekt von Duvilles Arbeit wird ins Netz verlängert: Die Website zum Pavillon hat Webcam-Bilder (monitoryinyang.com). Die Videos sind aber – dies sei zur datenschutzrechtlichen Beruhigung gesagt – zwar mit aktuellen Zeitstempeln versehen, zeigen aber einen Loop aufgezeichneter Bilder.
Padiglione dell’Argentina. Arsenale, Sala d’Armi, AR.
John Beadle und Lavar Munroe, Another Man’s Yard (Bahamas)
Ausstellungsansicht. Pavillon der Bahamas, In Another Man's Yard – John Beadle, Lavar Munroe, and the Spirit of (Posthumous) Collaboration. Abgebildete Werke von Lavar Munroe and John Beadle. Foto: Francesco Allegretto.
Jenseits des Kanals, im Sestiere Dorsoduro, haben die Bahamas einen starken Auftritt mit Arbeiten des verstorbenen John Beadle (1964-2024) und des, eine Generation jüngeren Lavar Munroe (*1982 in Nassau).
Werke beider Künstler greifen bildnerische Traditionen sowie kollaborative Praktiken der Bahamas und der afrikanischen Diaspora auf, vor allem die Tradition des „Junkanoo“, eines karibischen Festes mit afrikanischen Wurzeln, das Musik, Tanz, Prozessionen in Kostümen und Masken verbindet: „Das kulturelle Fundament der Bahamas“ (Beadle).
Gemälde, Reliefs, Skulpturen und Installationen adressieren soziale Themen wie Migration, Ausbeutung, kulturelle Identität und spirituelle Praxis, oft unter Verwendung von gefundenen Objekten und Alltagsmaterialien wie Karton oder Segeltuch.
Lavar Munroe, No Matter How Dreary and Gray, We People of Flesh and Blood Would Rather Live Here, Than in Another Man's Yard (Bridge Over Troubled Water), 2026. Acrylfarbe, Sprühfarbe, Latex-Wandfarbe, Airbrush, Mischtechnik. Variable Dimensionen. Courtesy the artist, The Bahamas Pavilion, Larkin Durey, Monique Meloche. Foto: Larkin Durey.
Abschließender Höhepunkt der mitreißenden Ausstellung ist eine Gemäldeserie von Lavar Munroe, die in Gedenken an John Beadle eine Junkanoo-Prozession für den Verstorbenen imaginiert. Entlang der verregneten Küste zieht sich der Kreis der Musizierenden, Tanzenden, Trauernden. Eine Trauernde trägt eine Zeitung unter dem Arm, deren Titelseite vom Tod Beadles berichtet.
Bereits für die Biennale 2015 gab es den Plan, Beadle in einem Pavillon der Bahamas auszustellen. Die Finanzierung dafür kam nicht zustande. Arbeiten von Lavar Munroe waren im gleichen Jahr in der von Okwui Enwezor kuratierten Zentralausstellung zu sehen.
Padiglione delle Bahamas. Dorsoduro, Fondamenta Nani, San Trovaso Art Space, BS.
Ásta Fanney Sigurðardóttir, Pocket Universe (Island)
Ásta Fanney Sigurðardóttir, Hero Form, 2026. Foto: Sandijs Ruluks. Courtesy of the artist ©Ásta Fanney Sigurðardóttir.
Ich weiß nicht, ob alle Besucher:innen dem Charme der Arbeit von Ásta Fanney Sigurðardóttir (*1987 in Reykjavík) im isländischen Pavillon so erliegen werden wie ich. Aber die filmische Erzählung von der Entstehung des Universums aus einer Erdbeere oder auch aus einer, von drei weiß gewandeten Priesterinnen im Strandsand vergrabenen Kugel, diese ausgeprochen inkonsistente Erzählung ist von sehr überzeugender Wahrhaftigkeit.
Wichtiger noch ist aber „Creature Zero“, ein zotteliges Wesen, dessen Fell an die Kunstfaser-Flokatis meiner Jugend erinnert. Diese erste Kreatur ist auf dem Weg durch die Welt (die sehr nach Island ausschaut) auf der Suche nach dem Ursprungsfelsen. Sie kann wünschelrutelnd über Wolken wandern und im ewigen Eis mächtige Schatten werfen. Und „Creature Zero“ ist äußerst empfindsam, wie ein Monolog in einem eigenschaftslosen Hotelzimmer offenbart. Aber Vorsicht: Sie hat recht lange Fingernägel.
Ásta Fanney Sigurðardóttir, Universal Tale, 2026. Filmstill. Courtesy of the artist ©Ásta Fanney Sigurðardóttir / Timothée Lambrecq.
Und das titelgebende Taschenuniversum, was mag das sein?: „Stellen wir uns eine unsichtbare Tasche vor, die ewig und unendlich ist, ohne Boden – darin befindet sich alles Mögliche. Was ist das?“, so heißt es in einem der im Vorraum ausgestellten Pergamente (neben Starportraits der Creature Zero und so etwas wie einem magischen Kreis, in dem ein Stuhl für „Ásta’s Engel“ reserviert ist).
Ásta sagt über ihre Arbeit mit Blick auf schwierige Zeiten: „Wenn sich die Realität festgefahren oder chaotisch anfühlt, fällt es schwer, sich Veränderungen vorzustellen oder gar deren Möglichkeit zu erkennen. Die Ausstellung beleuchtet diese Gedanken anhand von Mythen und Erzählungen, Schicksal und freiem Willen, Perspektivwechseln sowie der Bildsprache von Glück und Hoffnung und fragt dabei, wie wir die Zerbrechlichkeit des Sanften und des Unbekannten schützen können, dadurch, dass wir ein neues Gewebe in unsere Geschichte einflechten.“
Padiglione dell’Islanda. Castello, San Pietro, Docks Cantieri Cucchini, IS.
Siniša Radulović, Out of the Blue, I’m Swept Away, (Montenegro)
Pavillon Montenegros am Campo San Lorenzo: Siniša Radulović, „Out of the Blue, I’m Swept Away“. 61. Internationale Kunstausstellung – La Biennale di Venezia, In Minor Keys. Foto: jvf.
Im montenegrinischen Pavillon am Campo San Lorenzo zeigt Siniša Radulović (*1983 in Podgorica) eine starke, vielschichtige Multimedia-Installation, die Fragen zur Bildgebung und zu visuellen Medien der Weltwahrnehmung offen hält.
In einer Dunkelkammer eingangs hängt ein Ding, das zunächst wie eine retrofuturistische Raumsonde erscheinen mag. Expert:innen wissen, dass es sich um einen Meopta-Magnifax-Vergrößerer handelt, wie er etwa in den 1960er Jahren zur Entwicklung analoger Filme verwendet wurde.
Im Hauptraum bewegt man sich über eine Glasfläche, unter der in einer dystopischen Stadtlandschaft seriell gefertigte Menschenfiguren in den kahlen Grundrissen standardisierter Junkspace-Wohnungen hausen. Die Figuren sind in Graustufen gefärbt, nur in der äußersten Peripherie dieser toten Stadt gewinnen die Figuren etwas Farbe und Anzeichen von Individualität.
Zu einem Pfeiler des Saals hin hat es einen chaotischen Menschenfigurenauflauf. Welcher Verheißung die Figuren entgegenstürzen, bleibt offen. An den Wänden des Saals (oberhalb der Glasfläche, also in der Welt der Besucher:innen) entwirft ein Video in flüchtigen und unscharfen Nahaufnahmen eines menschlichen Körpers dagegen eine Utopie der Intimität.
In einem kleinen, anschließenden Raum zeigen zwei Handvoll Fotografien Fragmente der Dingwelt, vornehmlich als Abbildungen von Modellen und Repräsentationen von Objekten. Die Fotografien sind – so lerne ich – mittels des im 19. Jahrhundert verwendeten Kollodium-Nassplatten-Verfahrens entwickelt, was den Eindruck der Unwirklichkeit und Mittelbarkeit der Bilder noch verstärkt.
Padiglione del Montenegro. Castello, Campo San Lorenzo, Spazio Artenova, ME.
Und sonst?
Wenn ich mir die Berichterstattung in der internationalen, vor allem angelsächsischen Presse anschaue, sind einige der hier genannten Pavillons eher Außenseitertipps. Die Pavillons Montenegros, der Bahamas, Islands, Argentiniens und – sehr verblüffend – auch Frankreichs finden kaum Aufmerksamkeit.
Neben der etwas sensationalistisch geprägten Fokussierung der Berichterstattung auf den österreichischen und auch den japanischen Pavillon finden die nationalen Beiträge Indiens (Arsenale), Kanadas, Belgiens und Südkoreas (alle Giardini) deutlich mehr Beachtung.
Karte beste nationale Beiträge, Neben- und Parallelausstellungen