Kulturraum NRW


Der Streit um die Goldenen Löwen – Biennale Venedig 2026

„No jury, no prizes“

Sanktions­androhungen, Boykott­forderungen, Rück­tritte, Proteste: Im Vor­feld und zur Eröffnung der 61. Kunst­biennale Venedig gibt es eine Menge Turbu­lenzen. Manche sprechen von einer tief­greifenden Krise der Biennale.

Denkmal Riccardo Selvatico in den Giardini pubblici, Venedig. Foto: jvf
Denkmal Riccardo Selvatico in den Giardini pubblici, Venedig. Foto: jvf.

Etwas enerviert, viel­leicht auch resig­niert, scheint er dieser Tage dreinzu­blicken – und das hat seine Gründe: Riccardo Selva­tico, Schrift­steller, Politiker der links­liberalen Progres­sisti, Anfang der 1890er Jahre Venedigs Bürger­meister und eine treibende Kraft hinter der Erfindung der Inter­nationalen Kunst­ausstellung von Venedig.

Die findet seit 1895 (mit vornehm­lich kriegs­bedingten Aus­nahmen) alle zwei Jahre statt und gilt heute als die welt­weit wichtigste Kunst­biennale. Und klar: Es ist nun wirk­lich nicht das erste Mal, dass sie von Skandalen, Streit und Protes­ten begleitet wird.

Dass die Wieder­aufnahme eines nationalen Bei­trags Russ­lands ins offizielle Pro­gramm, nach zwei­maliger Abwesen­heit 2022 und 2024, im Vor­feld zu massiver Kritik an der Leitung der Biennale-Stiftung geführt hat (u.a. durch die EU-Kommission und auch Teile der italie­nischen Regierung), wurde groß­flächig in der inter­nationalen Presse berichtet.

Auch dass es Proteste gegen den israe­lischen Pavillon geben würde, war zu erwarten. Das war 2024 nicht anders, wenn­gleich seiner­zeit in weitaus geringerem Aus­maß als heute.

Aber die gegen­wärtigen Turbu­lenzen scheinen – wie seit 1968 nicht mehr – an den Grund­festen der Biennale zu rütteln, weil sie auf die Organi­sation der Kunst­schau über­greifen. Was ist passiert?

Giardini pubblici, Protest vor dem Pavillon Russlands am 6. Mai 2026. Foto: jvf
Giardini pubblici, Protest vor dem Pavillon Russlands am 6. Mai 2026. Foto: jvf.

Ein Brief, eine Absichts­erklärung und ein Rück­tritt

Bereits Mitte März 2026 wandten sich 74 an der Zentral­ausstellung beteiligte Künst­ler:innen und Kura­tor:innen per Brief an den Präsi­denten der Biennale und forderten den Aus­schluss „aller offi­ziellen Delega­tionen von Regierungen, die Kriegs­verbrechen begehen, darunter Israel, Russ­land und die Vereinig­ten Staaten“.

Zu den Unter­zeichnenden gehörten auch drei Kura­tor:innen aus dem Team, das entlang der Konzep­tion der ver­storbenen künst­lerischen Leiterin der Biennale, Koyo Kouoh, die Zentral­ausstellung reali­siert hat.

Ob dieser Brief der Aus­­löser dafür war, dass sich die fünf­­köpfige Preis­­jury aus sehr renom­mierten Fach­leuten Mitte April – 16 Tage vor Eröffnung der Biennale – mit einer Absichts­­erklärung zu Wort meldete, kann ich nur spekulieren.

Bei der Vergabe des Goldenen Löwen – aus dem Kontext wird klar, dass der Preis für den besten nationalen Beitrag gemeint ist – werde man „die­jenigen Länder nicht berück­sichtigen, deren Staats- und Regierungs­chefs der­zeit vom Inter­nationalen Straf­gerichts­hof der Ver­brechen gegen die Menschlich­keit beschuldigt werden“, heißt es in dem State­ment.

Diese Absichts­erklärung war in mehr­facher Hinsicht verblüffend. Sie wurde gemein­hin so ver­standen, dass damit eine Preis­vergabe an die nationalen Bei­träge Russ­lands und Israels aus­geschlossen werden sollte. Das ist so ein­deutig nicht. Die Erklärung benennt die gemein­ten Staaten und ihre Pavillons nicht.

Venedig, rund um das Arsenale, Protestplakate und Aufrufe zur Demonstration gegen den israelischen Pavillon. Fotos: jvf
Venedig, rund um das Arsenale, Protestplakate und Aufrufe zur Demonstration gegen den israelischen Pavillon. Fotos: jvf.

Der Haftbefehl des IStGH vom 21. November 2024 gegen den israe­lischen Minister­präsidenten bezieht sich auf Vor­würfe der Kriegs­verbrechen und der Ver­brechen gegen die Menschlich­keit. Der Haft­befehl vom 17. März 2023 gegen den russischen Staats­präsidenten beruft sich „nur“ auf den Vorwurf der Kriegs­verbrechen. Aber ich unter­stelle mal, dass die Jury nicht allein auf den Aus­schluss einer Preis­vergabe an den israelischen, sondern auch den russischen Pavillon abzielte.

Ganz offenbar erfolgte diese Absichts­erklärung ohne Abstimmung mit der Leitung der Bien­nale und ihrem Präsi­denten, Pietrangelo Butta­fuoco, der 2024 von der italie­nischen Regierung unter der selbst­erklärt „post­faschistischen“ Minister­präsidentin Meloni ins Amt gehoben wurde.

Jeden­falls, wenige Tage später, neun Tage vor Eröffnung der Biennale, erklärte die Jury geschlossen ihren Rück­tritt. Eine Begründung ent­hält das äußerst knapp gehaltene Statement of Resig­nation der Jury nicht, nur den Ver­weis auf die Erklärung zuvor: „Wir tun dies in Über­einstimmung mit unserer am 22. April 2026 veröffent­lichten Absichts­erklärung“.

In der italienischen Presse wird berichtet, dass die Jury­mitglieder von Seiten der Biennale-Leitung darauf hinge­wiesen wurden, dass mög­liche Schadens­ersatz­forderungen ihnen persönlich gegen­über geltend gemacht werden könnten.

Die Biennale vermeldete in einer knappen Presse­mit­teilung den Ein­gang der Rücktritts­erklärung der Jury ohne ein Wort des Bedauerns zu finden.

I Leoni dei Visitatori

Die Leitung der Biennale reagierte sodann recht umstands­los auf den Rück­tritt der Jury mit der Ankündigung, es sollen anläss­lich der 61. Kunst­biennale nun­mehr zwei „Besucher-Löwen“ aus­geteilt werden.

Die Auszeichnungen für „den besten Teil­nehmer“ der Zentral­ausstellung und für „den besten nationalen Bei­trag“ sollen nach Maß­gabe einer Publikums­abstimmung ver­geben werden – ausdrück­lich seien dabei für die Aus­zeich­nung als bester nationaler Bei­trag alle nationalen Bei­träge wählbar, die auf der Aus­stellung ver­treten sind. Die Ver­leihung erfolge am Schluss­tag der Biennale, dem 22. November 2026.

Künstler:innen der Zentral­ausstellung sowie Künst­ler:innen und Kura­tor:innen aus nationalen Pavillons reagierten am Eröffnungs­tag der Biennale dagegen mit einer Er­klärung, in der sie die Aus­zeichnung mit „Besucher-Löwen“ für sich ablehnten.

Unter­zeichnet ist die Erklärung von 52 Künst­ler:innen der Zentral­ausstellung, darunter Alfredo Jaar, Caro­lina Caycedo, Laurie Ander­son, Oto­bong Nkanga, Tabita Rezaire, Walid Raad und Zoe Leo­nard.

Hinzu kommen Künstler:innen, die in den nationalen Pavillons ausgestellt werden: Yto Barrada (Frankreich), Miet Warlop (Belgien), Oriol Vila­nova (Spanien), Isabel Nolan (Irland), Nilbar Güreş (Türkei) u.v.m.

Die Erklärung er­folge in Solidari­tät mit der zurück­getretenen Jury, heißt es in ihrem State­ment.

Letzte Tage sah ich einen mittel­alten Herrn auf der Biennale, der auf der Rück­seite seines Mantels einen in roter Farbe aufgesprühten Slogan spazieren trug: „No jury, no prizes“.

In Minor Keys

Ich gehe nochmal bei Riccardo Selva­tico vorbei und sinniere mit Blick auf die Lagune, wie wohl die Zukunft der Venedig­biennale aus­sehen mag, wenn deren Leitung so gänzlich außer Stande ist, Kon­flikte mit der eigenen Jury, den eigenen Kura­tor:innen und den einge­ladenen Künst­ler:innen zu ver­mitteln. Ich bleibe nicht lange bei ihm, der Himmel ist sehr trüb heute über Vene­dig, und es hat Regen.

Quellen