Kulturraum NRW


Die wichtigsten Ausstellungen im Rheinland 2014

Eine Vorschau

Die Erinnerung an den Großen Krieg vor 100 Jahren, die Quadriennale in Düsseldorf, der Japonismus, Pierre Huyghe, Kasimir Malewitsch und Camille Pissarro, Kaiser Karl und Kaiser Augustus: Das Ausstellungsjahr 2014 in der Rheinprovinz.

[Hinweise auf aktuell laufende Ausstellungen finden Sie hier: Aktuelle Ausstellungen in NRW: Die Auswahl, die Vorschau auf kommende Ausstellungen hier: Kommende Ausstellungen in NRW: Die Vorschau ]

El Greco, La sagrada familia, 1590, Detail. Toledo, Museo de Santa Cruz. Foto: jvf

Ende Juli / Anfang August 2014 jährt sich die Verabredung zum 1. Weltkrieg zum 100. Mal. So um die 17 Millionen Menschen wurden im Verlauf des vierjährigen Schlachtfestes dahingemetzelt. Nicht nur im Rheinland steht das Ausstellungsjahr deshalb ganz im Zeichen der Erinnerung und Aufarbeitung dieser „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ (wobei Menschen z.B. in Afrika oder auf dem Balkan vermutlich den Beginn der Katastrophe um einiges früher ansetzen würden).

Die Bonner Kunst- und Ausstellungshalle erkundet noch bis Mitte Februar 2014, welche Spuren die Schützengräben durch die Werke der europäischen Avantgarde gezogen haben, anhand von Beckmann, Dix, Kirchner, Klee, Lehmbruck usw.: 1914 – Die Avantgarden im Kampf.

Ernst Ludwig Kirchner, Selbstportrait als Soldat, 1915. Lizenz: PD-Art. Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Kirchner_-_Selbstbildnis_als_Soldat.jpgErnst Ludwig Kirchner, Selbstportrait als Soldat, 1915. Lizenz: PD-Art. Quelle: wikimedia commonsDas Wuppertaler Von der Heydt-Museum gleicht ab Anfang April aus und zeigt – in Kooperation mit dem Musée des Beaux-Arts zu Reims – wie Kunst von Beckmann, Dix und Grosz sowie Bonnard, Denis und Rouault den Krieg verarbeitet: Menschenschlachthaus. Der Erste Weltkrieg in der französischen und deutschen Kunst.

Gleich 12 Ausstellungen bringt der Landschaftsverband Rheinland unter dem Dach eines „Verbundprojekts“ 1914 – Mitten in Europa. Das Rheinland und der Erste Weltkrieg an den Start. Dazu gehört ab Ende April eine Ausstellung auf der Essener Zeche Zollverein zu sozial- und alltagsgeschichtlichen Aspekten Anfang des 20. Jahrhunderts (1914 – Mitten in Europa), ab Sommer dann, im Freilichtmuseum Kommern, der Versuch, Alltagsgeschichte der rheinischen Landbevölkerung in Zeiten des Krieges greifbar zu machen (Kriegs(er)leben im Rheinland) und im Herbst eine Schau künstlerischer Positionen zum Krieg von 1915 bis heute im Duisburger Lehmbruck Museum (Zeichen gegen den Krieg). Das Museum für Angewandte Kunst in Köln beteiligt sich Ende des Jahres an dem Projekt mit KÖLN 1914. Metropole im Westen und erinnert dabei zugleich an die große Kölner Werkbundausstellung im Sommer 1914 auf der Schäl Sick (mit van de Velde, Gropius, Taut u.a.).

Das Deutsche Historische Museum in Berlin greift erst in der zweiten Jahreshälfte in das Erinnerungsgeschehen ein: 1914–1918. Der Erste Weltkrieg ist von Juni bis Dezember in der Hauptstadt zu sehen. Bereits ab Ende Februar zeigt das Musée Royal de l’Armée in Brüssel seine Schau Expo 14-18. C’est notre histoire. Die Agenda des französischen Erinnerungswesens Mission Centenaire 14-18 verzeichnet für Paris und die Provinz nicht weniger als 200 Ausstellungen zur Grande Guerre.

Karl, August und die Heiligen 3 Könige

Domschatzkammer – Verlorene Schätze. Karlsbüste © Domkapitel Aachen Foto: Andreas HerrmannDomschatzkammer – Verlorene Schätze. Karlsbüste © Domkapitel Aachen Foto: Andreas HerrmannIn Aachen nimmt man unterdessen noch Anlauf für den 1200. Todestag Karls des Großen, verfehlt den Stichtag dessen Ablebens (28. Januar 814) aber um ein knappes halbes Jahr und wird erst im Juni eine große dreiteilige Ausstellung rund um den Dom einrichten („Orte der Macht“, „Karls Kunst“, „Verlorene Schätze“).

Einen noch viel runderen Todestag hat im Übrigen ein Amtsvorgänger Karls anzubieten, vor 2000 Jahren, am 19. August 14, raffte die Diarrhoe Imperator Caesar Augustus dahin. Für die Gedenkausstellung im römischen Scuderie del Quirinale muss man sich aber beeilen, die endet bereits Anfang Februar – ein halbes Jahr vor dem Todestag. Wer das nicht mehr schafft, kann sich im Frühjahr im Pariser Grand Palais schadlos halten: Moi, Auguste, Empereur de Rome ist dann dort zu Gast. In Köln kümmert sich derweil das Römisch Germanische Museum um die Auswirkungen des augusteischen Imperialismus auf die rheinische Kolonie: Die Ausstellung 14 AD – Römische Herrschaft am Rhein ist ab Ende Juni zu besuchen.

Schlaffe 850 Jahre ist es her, dass die Heiligen 3 Könige in Begleitung von Reichskanzler Rainald von Dassel in Köln eingetroffen sind und im Dom Logis genommen haben (23. Juli 1164). Das Kölner Museum Schnütgen erinnert ab Herbst daran und an die Folgen: Die Heiligen Drei Könige. Mythos, Kunst und Kult.

Und nur 200 Jahre ist es her, dass der belgische Instrumentenbauer Adolphe Sax in Dinant geboren wurde (6. November 1814). Für den Erfinder des Saxophons räumt das Musikinstrumentenmuseum in Brüssel ab Anfang Februar seine gesamte 4. Etage frei und zeigt für ein Jahr SAX200.

Aber genug der Gedenkausstellungen.

In Sachen Zukunft: Die Düsseldorfer Quadriennale

„Über das Morgen hinaus“ ist das Dachlabel, unter dem die Quadriennale GmbH der Landeshauptstadt Düsseldorf insgesamt 13 Ausstellungen ab Anfang April 2014 versammeln will: „Wir möchten unsere Besucher anregen, mehr Neugier auf die eigene Zukunft zu entwickeln und sich diese zu vergegenwärtigen“, sagt der Kulturdezernet. Ein Netz von Begriffen sei hierfür über die „Kunststadt“ gelegt: „Aufbruch / Erde / Verwandlung / Fortschritt / Experiment / Utopie / Himmel / Feuer / Rückzug / Licht / Neugier“, so heißt es. Ob das jenseits des Städtemarketings für ein stringentes Festspielkonzept taugt? Man wird sehen. Der künstlerische Leiter hat jedenfalls unlängst wg. persönlicher Gründe hingeschmissen.

Im K20 am Grabbeplatz versucht man, der Bedeutung der weißen Fläche bei Kandinsky, Malewitsch und Mondrian gerecht zu werden, indem sie als „Symbol für eine zukünftige Welt“ genommen wird. Im Museum Kunstpalast spürt man dem Motiv der Alchemie von der Kunst der Vormoderne bis in die Gegenwart hinterher. Im K21 wird das Unterirdische auf seine utopische und dystopische Qualität hin untersucht. In der Kunsthalle nimmt man Zukunftsperspektiven im Umfeld der Transformation vom Industriekapitalismus zum digitalen Kapitalismus in den Blick (mit dabei ist der berückend schöne Mehrkanalfilm El fin del mundo von Moon Kyungwon und Jeon Joonho, der letztens auf der Documenta beeindruckt hat). In Neuss schließlich, in der Langen Foundation, gibt’s aufblasbare Skulpturen von Otto Piene zu sehen. Alle Ausstellungen der Quadriennale öffnen am 5. April 2014. Weitere Infos zum Programm auf der Website der Quadriennale Düsseldorf.

In Sachen Gegenwart

Von Mitte Februar bis Anfang März verschafft die Große Kunstausstellung NRW in Düsseldorf wieder den Überblick über die Leistungen der Kunstschaffenden in der Rheinprovinz. Die Art Cologne will im April dann an die letztjährigen Erfolge in Sachen Wiederbelebung des rheinischen Kunstmessewesens anknüpfen.

Bereits ab Ende Januar zeigt das Kunstmuseum Bonn eine umfassende Schau von Arbeiten der französischen Künstlerin Tatiana Trouvé: I tempi doppi.

Im Kölner Ludwig Museum hat der scheidende Direktor Philipp Kaiser für seine zweite Spielzeit mit einer Retrospektive auf das bisherige Werk von Pierre Huyghe (im Frühjahr) geplant, später (im Herbst) dann mit einer Überblicksschau zur PopArt aus Beständen der Ludwigsammlung: Lud­wig Goes Pop. Bilder ein­er Jahrhundertsammlung. Rheinaufwärts im Rolandseck soll ab Herbst das ganze Haus des Arp-Museums mit der textilen Raumkunst des Brasilianers Ernesto Neto bespielt werden.

Die sommerliche Reisetätigkeit in Sachen internationaler Sammelausstellungen der Gegenwartskunst wird heuer etwas eingeschränkt sein: Die Documenta hat jetzt zwar ihren neuen künstlerischen Leiter ausgewürfelt, Adam Szymczyk, der kommt aber erst 2017 zum Zug; und die Kunstbiennale in Venedig ist erst 2015 wieder dran, dann unter der Leitung von Okwui Enwezor (Direktor des Münchener Hauses der Kunst u. seinerzeit Kurator der Dokumenta 11). Die Manifesta immerhin geht dieses Jahr in ihre 10. Auflage und deren Kurator ist Kasper König, das ist prima, aber Spielort ist die Eremitage zu St. Petersburg (28. Juni – 31. Oktober 2014) – und wer will schon in Putins Reich der lupenreinen Demokratie reisen?

Klassische Moderne

Die Kunst- und Ausstellungshalle zu Bonn übernimmt im Frühjahr aus Amsterdam eine umfassende Schau in Sachen Kasimir Malewitsch und die Russische Avantgarde.

Camille Pissarro, Selbstportrait, 1873. Musée d'Orsay. Lizenz: PD-Art. Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Camille_Pissarro_040.jpgCamille Pissarro, Selbstportrait, 1873. Musée d’Orsay. Lizenz: PD-Art. Quelle: wikimedia commonsDas Wuppertaler Von der Heydt-Museum setzt seine sehr verdienstvolle Reihe zu Großmeistern des Impressionismus fort und nimmt sich 2014 Camille Pissarro vor (Pissarro. Vater des Impressionismus). Das Wallraf-Richartz-Museum in Köln wird motivgeschichtlich unterwegs sein und widmet sich im Herbst Darstellungs­varianten der Kathedrale: Die Kathedrale. Romantik – Impressionismus – Moderne.

Sehr gründlich kann man nächstes Jahr im Rheinland dem Einfluss der japanischen Kunst auf die Klassische Moderne nachgehen, dem Japonismus. Den Auftakt macht das Käthe-Kollwitz-Museum in Köln bereits ab Januar mit Zwischen Japan und Amerika. Emil Orlik – Ein Künstler der Jahrhundertwende, ab Ende September zeigt das Essener Folkwangmuseum Inspiration Japan. Monet, Gauguin, Van Gogh …, ab Mitte Oktober zieht das Museum für Ostasiatische Kunst in Köln nach mit Vom Japonismus zu Zen. Paul Klee und der Ferne Osten.

Das Museum Küppersmühle in Duisburg widmet sich zwei deutschen Meistern der Abstraktion und übernimmt dazu im Frühjahr aus Berlin die Werkschau zum 100. Geburtstag von K.O. Götz sowie im Sommer aus Stuttgart die Retrospektive auf das Werk von Willi Baumeister.

Nebenan nimmt das Museum Wiesbaden den 150. Todestag Alexej von Jawlenskys zum Anlass für eine Ausstellung seiner Werke aus den Jahren 1900-1914. In Frankfurt plant das Städel Museum im Frühjahr eine umfassende Retrospektive auf das Werk von Emil Nolde (später auch in Kopenhagen zu sehen). Ende des Jahres ehrt die „Große Landesausstellung Baden-Württemberg 2014“ in Stuttgart Oskar Schlemmers Visionen einer neuen Welt.

Alte Meister

El Greco, La sagrada familia, 1590, Detail. Toledo, Museo de Santa Cruz. Foto: jvfVon herausragenden Ausstellungen alter Meister in der Rheinprovinz 2014 weiß ich noch nichts. Zum Glück helfen die Nachbarn aus. Die Brüsseler Kgl. Museen der Schönen Künste übernehmen Anfang des Jahres eine Schau aus Ferrara zur Malerei von Francisco de Zurbarán. In London gibt’s im Frühjahr Ausstellungen zu Veronese und deutschen Meistern der Renaissance (beides National Gallery), im Herbst zum späten Turner (Tate Britain) und zum späten Rembrandt (National Gallery).

Nach der Papierform müssten zwei Ausstellungen in Zentralspanien zu den Höhepunkten des europäschen Ausstellungswesens 2014 gehören. Dort feiert man den 400. Todestag von El Greco. Toledo plant deshalb im Frühjahr im sehr hübschen Museo Santa Cruz eine Schau, die den Meister im Kontext seiner Zeit verorten und besonderes Augenmerk auf sein Können als Portraitmaler legen will. Im sommerlichen Madrid wird das Museo del Prado sich dann um die Wirkung El Grecos auf die Kunst der Moderne kümmern.