Kulturraum NRW


Die wichtigsten Kunstausstellungen 2022 in Europa

Eine Reiseplanung

Donatello, Raffael und Mondrian, Guido Reni und Aristide Maillol, die Documenta und die Biennale dʼArte. Was kann man sich für das Kunst- und Ausstellungsjahr 2022 bei den Nachbarn NRWs – in Paris, London, Frankfurt, Basel, Venedig, Kassel oder Pristina – vormerken?

Surrealismus und Raffael in London

Bereits Ende Februar übernimmt die Tate Modern in London aus New York Surrealism Beyond Borders. Die Ausstellung erhebt den Anspruch, nichts weniger als die Geschichte des Surrealismus neu zu schreiben, indem der dominante Fokus auf die Pariser Szene der 1920er Jahre aufgegeben und der Blick auf Kunst­zentren wie Buenos Aires, Kairo und Tokio geweitet wird (24. Februar bis 29. August 2022).

Raffael, Papst Julius II. / Hl. Katharina von Alexandrien. Quelle: National Gallery London / 2, Lizenz: CC BY-NC-ND 4.0
Raffael, Papst Julius II. / Hl. Katharina von Alexandrien. Quelle: National Gallery London / 2, Lizenz: CC BY-NC-ND 4.0.

Zum Glück ist die Surrealismus-Schau für ein gutes halbes Jahr zu sehen, so dass man sich mit dem London-Trip bis April Zeit lassen kann, um gleich auch Raphael in der National Gallery mitzunehmen. Die ursprünglich zum 500. Todestag des Renaissance­meisters (1484-1520) geplante und dann verschobene Ausstellung verspricht, einen Blick auf die gesamte Spann­breite seines Werks zu eröffnen, das neben Malerei und Zeich­nungen auch Architektur, Dichtung und Designs für Skulptur, Tapisserie sowie Druckwerke umfasst (9. April bis 31. Juli 2022).

Maillol in Paris, Nay in Hamburg, Donatello in Florenz

Aristide Maillol, La Méditerranée, 1905-1923. Foto: Kikuyu3. Modified jvf. Lizenz: CC BY-SA 4.0. Quelle: Wikimedia Commons
Aristide Maillol, La Méditerranée, 1905-1923. Foto: Kikuyu3. Modified jvf. Lizenz: CC BY-SA 4.0. Quelle: Wikimedia Commons.

Auf dem Hin- oder Rückweg nach oder von London muss man Station in Paris machen. Das Musée d’Orsay zeigt Aristide Maillol – La quête de l’harmonie mit über 150 Werken des nach Rodin bedeutendsten fran­zösischen Bild­hauers (1861-1944) der frühen Moderne (12. April bis 21. August 2022). Wer es nicht nach Paris schafft, kann im Herbst die Begegnung mit Maillol in Zürich nachholen: Das Kunsthaus übernimmt Aristide Maillol – Die Suche nach Harmonie (7. Oktober 2022 bis 22. Januar 2023).

Zwischendurch kann man einen Aufenthalt in Hamburg einplanen. Die Kunsthalle richtet Ernst Wilhelm Nay – Retrospektive ein. Die Ausstellung will mit rund 120 Gemälden, Aquarellen und Zeichnungen alle Etappen von Nays (1902-1968) facettenreichem Werk berücksichtigen. Er gilt als einer der wichtigsten deutschen Maler der Nachkriegs­zeit (25. März bis 7. August 2022). Später übernimmt das Museum Wiesbaden (16. September 2022 bis 5. Februar 2023).

Donatello, Pazzi Madonna, um 1420. Ausschnitt Foto: Sailko. Lizenz: CC BY-SA 3.0. Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: PD-Art
Donatello, Pazzi Madonna, um 1420. Ausschnitt Foto: Sailko. Lizenz: CC BY-SA 3.0. Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: PD-Art.

Bereits Mitte März öffnet in Florenz Donatello, il Rinascimento, eine umfassende Schau mit Werken des einfluss­reichsten Bildhauers (1386-1466) der italienischen Früh­renaissance. Gleich in zwei Häusern, dem Palazzo Strozzi und dem Museo Nazionale del Bargello, werden Donatellos Werke Arbeiten seiner Zeitgenossen und Nachfolger wie Brunelleschi, Masaccio, Mantegna, Bellini, Raffael oder Michelangelo gegenüber­gestellt (19. März bis 31. Juli 2022). Am besten lässt sich sicher der Florenz-Aufenthalt mit dem Besuch der Venedigbiennale (s.u.) verbinden. Wer es aber nicht nach Florenz schafft, kann den Donatello später – in allerdings bescheidenerer Beschickung – in Berlin sehen (Gemäldegalerie, 2. September 2022 bis 8. Januar 2023).

Ein Außenseiterinnen-Tipp: Hanna Nagel

Sicher spielen Donatello und Raffael, Nay und Maillol in einer anderen Liga, ich will aber als Außenseiterinnen-Tipp auf eine Schau der Kunsthalle Mannheim hinweisen. Fürs Frühjahr planen die Nordbadenser eine Ausstellung zum zeichnerische Werk der Heidelberger Künstlerin und Illustratorin Hanna Nagel (1907-1975). Nagel wird gemeinhin heute wenig beachtet, dabei könnte man sich von ihrer engagierten bis satirischen Kunst aus den 1920er und 1930er Jahren mit Einschlägen ins Neusachliche und Sur­realistische immer noch eine ungehörige Scheibe abschneiden (Laufzeit unter Vorbehalt: 8. April bis 3. Juli 2022).

Die Biennalen, die Documenta und das Römische Reich

Im Sommerhalbjahr werden dann die Biennalen in Venedig und Pristina sowie die Documenta in Kassel erhebliche Reise­tätigkeit in Sachen Gegenwarts­kunst auslösen.

Venedig Panorama. Foto: jvf

Die 59. Inter­nationale Kunst­ausstellung in Venedig eröffnet heuer bereits im April und wird die weltweit größte Ansammlung von Gegenwarts­kunst im Jahr 2022 machen. Die künstlerische Direktorin der Zentral­ausstellung, Cecilia Alemani, stellt ihre Schau unter das Label „Il latte dei sogni“ (Die Milch der Träume). Der deutsche Pavillon wird von Maria Eichhorn eingerichtet (23. April bis 27. November 2022).

Die documenta fifteen in Kassel ist dann acht Wochen später dran. Nachdem die Vorauflage in 2017 nicht voll­umfänglich von ungeteilter Begeisterung begleitet worden ist (siehe auch documenta 14: Von Kάσελ lernen), liegt die künst­lerische Leitung der 15. Documenta beim indonesischen Kollektiv Ruangrupa, das „Grundsätze von Kollektivität, Ressourcen­aufbau und gerechter Verteilung“ in den Mittelpunkt seiner kuratorischen Arbeit stellt. Man wird sehen (18. Juni bis 25. September 2022).

Etwas schwierig scheint die Anreise zur Manifesta 14 zu werden. Die europäische, „nomadische“ Biennale für Gegenwarts­kunst gastiert in diesem Jahr in der kosovarischen Hauptstadt Pristina – nach Stationen zuletzt in Palermo (2018) und Marseille (2020). Wie es gelingt, mit der Bahn nach Pristina zu kommen, ist mir derzeit noch unklar (22. Juni bis 30. Oktober 2022).

Freund:innen historischer Ausstellungen sowie Anhänger:innen spät­römischer Dekadenz können sich danach bei der Landes­ausstellung in Trier erholen. Gleich drei Museen der Stadt (das Rheinische Landes­museum, das Museum am Dom und das Stadt­museum Simeon­stift) kümmern sich um den Untergang des Römischen Reichs in allgemein-, religions- und kunst­geschichtlicher Perspektive (25. Juni – 27. November 2022).

Mondrian in Den Haag u. Riehen, Picasso/Greco in Basel

Piet Mondrian, Komposition mit Rot, Gelb, Blau und Schwarz, 1921 / Victory Boogie Woogie, 1944. Quelle: Wikimedia Commons / 2, Lizenz: PD-Art
Piet Mondrian, Komposition mit Rot, Gelb, Blau und Schwarz, 1921 / Victory Boogie Woogie, 1944. Quelle: Wikimedia Commons / 2, Lizenz: PD-Art.

Der niederländische Maler Pieter Cornelis Mondriaan, Piet Mondrian, hätte am 7. März 2022 seinen 150. Geburtstag feiern können (†1944). Das übernehmen für ihn u.a. das Kunstmuseum Den Haag, das die weltweit größte Mondrian-Sammlung beherbergt. Geplant ist im Kunstmuseum (bis vor Kurzem hieß das noch Gemeente­museum) zudem eine Sonder­ausstellung 150 jaar Mondriaan, die Mondrians Netzwerk, seine Wirkungs- und Sammlungs­geschichte in den Blick nehmen will. Seltsamer­weise beginnt sie einen knappen Monat zu spät für die Geburtstags­torte: 2. April bis 25. September 2022.

Die Fondation Beyeler in Riehen bei Basel ist weitere zwei Monate später als Gratulant zur Stelle mit ihrer, schlicht Mondrian betitelten Schau. Die Ausstellung will sich auf das Frühwerk und die künstlerische Entwicklung Mondrians bis hin zum Konstruktivismus konzentrieren (5. Juni bis 9. Oktober 2022). Sie entsteht in Kooperation mit der Kunst­sammlung NRW Düsseldorf, wo sie anschließend im K20 zu sehen sein wird (29. Oktober 2022 bis 10. Februar 2023).

El Grecdo, Laokoon, um 1610/14. Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: PD-Art
El Grecdo, Laokoon, um 1610/14. Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: PD-Art.

Im Kunstmuseum Basel kann man sich dann vermittels Picasso – El Greco einen umfassenden Eindruck machen von der Auseinander­setzung des berühmtesten Malers des 20. Jahrhunderts mit dem faszinierendsten Maler der Wende vom 16. ins 17. Jahrhundert (1541-1614). Rund 40 Gegenüber­stellungen von Werken der beiden sollen die langjährige Beschäftigung Picassos mit dem Groß­meister des Manierismus bezeugen (11. Juni bis 25. September 2022).

Ugo Rondinone und Ottilie W. Roederstein in Frankfurt

Ebenfalls noch im Sommer lohnt eine Zweitages­tour nach Frankfurt. Die Schirn Kunsthalle zeigt in einer Überblicks­ausstellung Gemälde, Skulpturen und Videos des Schweizer Konzept- und Multimedia­künstlers Ugo Rondinone (*1964): Ugo Rondinone – Life time (24. Juni bis 18. September 2022). Das Städel Museum sekundiert und überlässt Rondinone seinen Garten für eine Installation von zwölf Skulpturen, Ugo Rondinone – Sunrise. East, groteske Köpfe, die für die zwölf Monate stehen (24. Juni bis 30. Oktober 2022).

Ottilie W. Roederstein, Selbstportrait mit weißem Hut, 1904. Ausschnitt. Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: PD-Art
Ottilie W. Roederstein, Selbstportrait mit weißem Hut, 1904. Ausschnitt. Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: PD-Art.

Wer aus nachvollzieh­baren Gründen im Winter 2020/21 nicht für die entsprechende Ausstellung nach Zürich reisen konnte, kann nunmehr ab Mitte Juli in Frankfurt an der Wiederentdeckung von Ottilie Wilhelmine Roederstein (1859–1937) teilhaben. Das Städel Museum zeigt die in Kooperation mit dem Kunsthaus Zürich entstandene, rund 75 Gemälde und Zeichnungen umfassende Retro­spektive auf das Werk der Künstlerin, die, in Enge/Zürich geboren, später in Frankfurt und Hofheim wirkte: Frei schaffend – Die Malerin Ottilie W. Roederstein (20. Juli bis 16. Oktober 2022).

Kentridge und Cézanne in London

Es hat in den letzten Jahren in Europa eine Reihe von sehr überzeugenden Ausstellungen mit Arbeiten von William Kentridge (*1955) gegeben – die Schau im Frankfurter Liebighaus, O Sentimental Machine (2018) war herausragend, jene im Kunstmuseum Basel, A Poem That Is Not Our Own (2019), sehr bemerkenswert. Jetzt, also im Herbst 2022, widmet die Royal Academy in London alle 12 Räume ihrer Haupt­galerien einem umfassenden Überblick über die bislang rund 40 Jahre währende Karriere des süd­afrikanischen Künstlers: William Kentridge (24. September bis 11. Dezember 2022).

Paul Cézanne, Stillleben mit Krug, Tasse und Äpfeln, um 1877. Quelle: The Met, Lizenz: PD-Art
Paul Cézanne, Stillleben mit Krug, Tasse und Äpfeln, um 1877. Quelle: The Met, Lizenz: PD-Art.

Die Londoner Tate Modern kontert zwei Wochen später mit einer großen Cézanne-Ausstellung, die den Entwicklungs­weg des wichtigsten Weg­bereiters (1839-1906) der Klassischen Moderne nachvollziehbar machen will. Cezanne (6. Oktober 2022 bis 12. März 2023) entsteht in Kooperation mit dem Art Institute of Chicago und wird dort bereits im Sommer zu sehen sein.

Chagall, Reni und Gill in Frankfurt

Im Spätherbst und Winter 2022/23 steht erneut Frankfurt auf der Agenda. Die Schirn Kunsthalle beleuchtet anhand von über 100 Gemäl­den, Papier­­ar­bei­ten, Fotos und Doku­men­ten das Werk Marc Chagalls (1887-1985) aus den 1930er und 1940er Jahren in seiner Auseinander­setzung mit Verfolgung, Vertreibung und Völkermord: Chagall – Welt in Aufruhr (4. November 2022 bis 19. Februar 2023). Keineswegs versäumen darf man im gleichen Haus eine Ausstellung mit rund 200 Werken der indischen Fotografin (*1970) Gauri Gill (18. Oktober 2022 bis 8. Januar 2023).

Guido Reni, Hippomenes und Atalanta, 1618-19. Quelle: Museo Nacional del Prado, Rechte: ©Museo Nacional del Prado
Guido Reni, Hippomenes und Atalanta, 1618-19. Quelle: Museo Nacional del Prado, Rechte: ©Museo Nacional del Prado.

Das Frankfurter Städel Museum widmet sich im Winter unterdessen dem italienischen Barock­meister Guido Reni (1575-1642). Ob die Diagnose des Städel, Reni sei „missverstanden, verdrängt, vergessen“, haltbar ist, lasse ich mal dahin gestellt. Dass die in Kooperation mit dem Museo del Prado entstehende Ausstellung den Besuch lohnt, wird außer Frage stehen: Guido Reni – Die Schönheit des Göttlichen (23. November 2022 bis 5. März 2023).

Zwei Warnhinweise und zwei Links nach Hause

Die Angaben zu den Ausstellungen sind den langfristigen Planungen und Vor­ankündigungen der jeweiligen Veranstalter entnommen (Stand Dezember 2021). Bevor Sie anreisen, informieren Sie sich bitte über etwaige Plan­änderungen oder Verschiebungen (Links in der Liste unten). Ich will ja nicht, dass Sie vergebens nach London, Paris oder Florenz reisen. Zugleich ist zu befürchten, dass es auch 2022 zu Zugangs­beschränkungen und Reise­erschwernissen aufgrund von seuchen­polizeilichen Maßnahmen kommen wird.

Die – gewiss von subjektiven Vorlieben geprägte – Auswahl konzentriert sich auf Ausstellungen im erweiterten Umland Nordrhein-Westfalens. Eine Auswahl aktueller Ausstellungen in NRW finden sie hier: Aktuelle Ausstellungen in NRW. Hinweise zu geplanten Ausstellung in Westfalen und im Rheinland gibt’s hier: Kommende Ausstellungen in NRW.

Agenda Ausstellungen 2022 im Umland NRWs