Kulturraum NRW


Manifesta 16 Ruhr – Ein Rundgang 2. Teil

„Glück auf in Deutschland“

Der 2. Teil eines Rundgangs durch die Manifesta 16 Ruhr: Die euro­päische, nomadische Biennale zeigt noch bis 4. Oktober 2026 in zwölf Kirchen des Ruhrgebiets Arbeiten von mehr als 100 Künstler:innen der Gegenwart.


Monuments from the miners, 2026 © Pınar Öğrenci. Foto © Manifesta 16 Ruhr / Rainer Schlautmann.

In den Spielstätten des Bochumer Nord­westen und in Gelsen­kirchen steht ein zweiter thematischer Schwer­punkt der Mani­festa 16 Ruhr im Vorder­grund: Arbeit, Migration und Arbeits­migration.

Arbeit und Migration

Für die Bochumer St. Anna Kirche hat Pınar Öğrenc (*1973 in Van) zwei Video­arbeiten mit­ge­bracht. Die kurdische Künst­lerin und Filme­macherin, die seit 2018 in Deutsch­land lebt, erkundet die Geschichte der „Gast­arbeiter“ erster Genera­tion im Ruhr­gebiet.

Vornehmlich anhand von Material aus dem Foto­archiv des Ruhr Museums erzählt Glück auf in Deutsch­land (Einkanal­video, 44 min., 2024) von der Marginali­sierung der Arbeits­migrant:innen und ihren prekären Arbeits- und Lebens­verhältnissen in der frühen Bundes­republik.


Glück auf in Deutschland, 2024 © Pınar Öğrenci. Foto © Manifesta 16 Ruhr / Rainer Schlautmann.

Dass die Kolleg:innen, die vor allem in den 1960er Jahren wesent­lich das deutsche „Wirtschafts­wunder“ ange­trieben haben, im Archiv­material kaum vor­kommen, erklärt sie daraus, dass die „so wichtige nationale Erzählung“ vom Wirtschafts­wunder nicht repräsentiert werden sollte von „Nicht-Deutschen“.

Ergänzt wird der dokumen­tarische Ansatz durch eine eher assoziativ montierte Video­projektion, A Labor Dictionary (Videoprojektion, 12 min., 2026), gegen den Altar­raum von St. Anna (Abbildung oben).

In der Gelsen­kirchener St. Anna Kirche hat es unter­dessen eine ebenso skur­rile wie verstörende Video­arbeit von Cana Bilir-Meier (*1986 in München), die eine – mit Preis­ausschreiben verbundene – Publikums­aktion des West­deutschen Rund­funks aus dem Jahr 1970 zum Thema macht.

Der erste Preis war seiner­zeit natür­lich ein Auto. Der zweite Preis scheint heute so absurd wie das Preis­ausschreiben selbst: „100 m² Teppich­boden BCF 501 Nylon“ wurden da ausge­lobt (dazu kam eine Urlaubs­reise in die Tür­kei u.a.). Es galt, „für die ausl. Arbeit­nehmer einen anderen treffenden Namen als ‚Gast­arbeiter‘“ vorzu­schlagen.


Ein neues Wort / A new word, 2005 © Cana Bilir-Meier. Foto © Manifesta 16 Ruhr – Rainer Schlautmann.

Nach Angabe des Senders seien unter den mehr als 32.000 Ein­sendungen nur rund 1% beleidi­gender Natur gewesen. „Menschen“ immer­hin scheint unter den Vor­schlägen gewesen zu sein.

Im Zentrum von Bilir-Meiers Ein neues Wort (2025) steht, neben Archiv­material, ein Münchener Chor (die meisten Sänger:innen sind ehemalige Arbeits­migrant:innen türkischer Her­kunft), der einige der vorge­schlagenen Alternativ­begriffe in eine umgetextete Fassung des Kinder­liedes „Die Eisen­bahn“ inte­griert.

Kunst und Migration

Im Gelsenkirchener Norden konzen­trieren sich zwei Stand­orte der Mani­festa auf Bei­spiele für die Kunst von Migrant:innen und Künst­ler:innen mit Migrations­hintergrund.

Herausragend sind die Holz­schnitte und Radierungen aus den 1970er bis 1990er Jahren des türkisch-deutschen Malers und Grafikers Mehmet Güler (*1944 in Malatya) in der Gelsen­kirchener Thomas­kirche.


Mutter und Mutter, 1974 / Spinnerin, 1970 / Müdigkeit, 1970. © Mehmet Güler. Foto © Manifesta 16 Ruhr – Ivan Erofeev.

Güler lebt und arbeitet, nach Kunst­studium in Ankara und Kassel, seit 1977 in Hessen. Die Holz­schnitte seines Früh­werks, (Durch die glühende Hitze), sind an der sozial­kritischen Grafik der Klassischen Moderne geschult und zeigen ein­dringlich Motive aus der länd­lichen Lebens- und Arbeits­welt der Türkei.

Im gleichen Haus gibt es u.a. ein starkes Gemälde von Serpil Yeter (*1956 in Istanbul), Was für eine Zukunft (1988), eine Schwangere, die mit einiger sorgen­voller Entschlossen­heit in eine ungewisse, aber wohl sehr bedroh­liche Zukunft blickt. Von Yeter, die nach lang­jährigem Aufent­halt in Deutsch­land, jetzt in Bodrum lebt und arbeitet, hätte ich gerne mehr Arbeiten gesehen.


Was für eine Zukunft, 1988 © Serpil Yeter. Foto. © Manifesta 16 Ruhr – Ivan Erofeev / Riza Topal, Maulbeeresserin, 1977 © Riza Topal. Fotos © Manifesta 16 Ruhr – Ivan Erofeev.

Gut 20 Minuten Fuß­weg entfernt, in der Gelsen­kirchener St. Bonifatius Kirche an der Cranger Straße, hat es u.a. Malerei des kurdisch-deutschen Künst­lers und Dichters Rıza Topal (1934–2025).

Auf­gewachsen in einem kleinen Dorf im Norden Kurdis­tans, lebte Topal nach Studium an der Münchener Akademie der Bildenden Künste ab den 1970er Jahren dauer­haft in Deutsch­land. Seine farb­intensiven Arbeiten greifen Lebens- und Bild­welten Meso­potamiens auf.

Zur christlichen Ikono­graphie zurück führt ein spektaku­läres, groß­formatiges Trip­tychon des iranisch-deutschen Malers und Bild­hauers Akbar Behkalam (1944-2025). Geboren in Täbris floh Behkalam, nach Kunst­studium und Lehr­tätigkeit ebenda und in Istanbul, Mitte der 1970er Jahre nach Deutsch­land und lebte und arbeitete bis zu seinem Tod in Berlin und Branden­burg.

In seiner satirisch-sozial­kritischen Über­schreibung der christ­lichen Bild­tradition sind vor ange­deuteter Industrie­kulisse nun­mehr nur 11 Figuren zum letzten Abend­mahl (1978) ver­sammelt.


Abendmahl, 1978 © Akbar Behkalam. Foto © Manifesta 16 Ruhr – Ivan Erofeev.

Während auf dem Tisch vor den bürger­lich gekleideten Figuren der Ober­klasse Speisen und Getränke in dekadenter Über­fülle ange­häuft sind, bleibt die Tafel vor den drei Figuren im Zentrum leer. Man mag letztere als Stell­vertreter für Migrant:innen und den Künst­ler selbst ver­stehen.

Die Manifesta

Seit dreißig Jahren tourt die „euro­päische, nomadische Biennale“ – eben die Manifesta – durch Europa. Sie war zuletzt zu Gast in der Metropolregion Barcelona (2024), in Pristina (2022), Marseille (2020), Palermo (2018) und Zürich (2016). Nach Frankfurt a. M. im Jahr 2002 ist der Auftritt im Ruhrgebiet das zweite Mal, dass die Manifesta in Deutschland gastiert.

Die recht stringente thematische Fokus­sierung auf die Fragen des Umgangs mit den aufge­lassenen Sakral­bauten und ihren Tradi­tionen einer­seits, auf die Prägung des Ruhr­gebiets durch die Arbeit im Berg­bau und in der Schwer­industrie sowie der damit ver­bundenen Arbeits­migration anderer­seits, ist eine Stärke dieser Mani­festa 16 Ruhr.

Vergleicht man sie mit der Vor­auflage im Großraum Barcelona 2024, so fehlen zwar die ganz großen, spektaku­lären Arbeiten wie sie etwa im ehe­maligen Wärme­kraftwerk Les Tres Xemeneies in Sant Adrìa de Besòs zu sehen waren. Aber der Ver­zicht auf die ganz große Geste ver­schafft dieser Biennale eine gewisse Erdung und Boden­ständigkeit, die sehr sympathisch ist.

Träger der Biennale ist die „Inter­national Founda­tion Mani­festa“ (IFM), eine Non-Profit-Organi­sation mit Sitz in Amster­dam. Die Mani­festa 16 Ruhr ist die letzte, die unter der Leitung der Gründungs­direktorin Hedwig Fijen steht.

Ihre Nach­folge wird ein zwei­köpfiges Team antreten: Die bis­lang stell­vertretende Direk­torin Emilia van Lynden als General­direktorin und die in Berlin ansässige aus­tralische Kura­torin Catherine Nichols in der Funktion als Künst­lerische Leiterin.

Die Mani­festa 17 wird 2028 im portu­giesischen Coim­bra statt­finden.

Praktische Hinweise

Die Manifesta 16 Ruhr ist keine Ver­anstal­tung der kurzen Wege. Immer­hin ist man auf der kürzes­ten Strecke mehr als 60 km unter­wegs, um alle 12 Spiel­stätten des Haupt­programms zu besuchen.

Die Ver­anstalter raten, sich drei Tage Zeit zu nehmen. Das hat Sinn und funktioniert auch mit dem ÖPNV sehr gut – am Wochen­ende tut man aller­dings gut, die Abfahrts­zeiten der Bus­linie 380 von Schalke (St. Anna) nach Erle (Thomas­kirche) vorher zu checken, sonst muss man bis zu einer halben Stunde warten.


Manifesta 16 Ruhr: Karte der Hauptstandorte. Grafik: jvf.

Ist nur ein zweitägiges Wochen­ende lang Zeit, empfehle ich, den von den Veran­staltern vor­geschlagenen „Community Parcours“ souverän zu ignorieren und statt­dessen auf die Agenda zu nehmen: St. Gertrud und St. Marien in Essen, Christ König und St. Anna in Bochum sowie die Thomas­kirche und St. Bonifatius in Gelsen­kirchen. Damit bekommt man einen vernünf­tigen Ein­druck der Schwer­punkte der Mani­festa und nimmt zugleich einen Großteil der besten Kunst mit.

Der Eintritt zu den Aus­stel­lungen ist kosten­los. Das Erscheinen des Kata­logs zur Aus­stellung ist für Anfang August in Aus­sicht gestellt.

🡰 Zum 1. Teil des Rundgangs durch die Manifesta 16 Ruhr: „Das ist keine Kirche“

Manifesta 16 Ruhr. Dir: Hedwig Fijen. K: Josep Bohigas, Gürsoy Doğtaş, René Block & Leonie Herweg, Henry Meyric Hughes & Michael Kurtz, Anda Rottenberg & Krzysztof Kosciuczuk. Bochum, Duisburg, Essen und Gelsenkirchen, 21. Juni bis 4. Oktober 2026.