Kulturraum NRW


Manifesta 16 Ruhr – Ein Rundgang 1. Teil

„Das ist keine Kirche“

Der 1. Teil eines Rundgangs durch die Manifesta 16 Ruhr: Die euro­päische, nomadische Biennale zeigt noch bis 4. Oktober 2026 in zwölf Kirchen des Ruhrgebiets Arbeiten von mehr als 100 Künstler:innen der Gegenwart.


friend (working title), 2026 © Gülbin Ünlü. Foto © Manifesta 16 Ruhr / Ivan Erofeev.

Was macht man eigent­lich mit den ganzen Kirchen­bauten, die auf­grund von Säkulari­sierungs­prozessen, Gottesdienst­müdigkeit und demo­grafischem Wandel im Ruhr­gebiet und anderen­orts nicht mehr für Gottes­dienste genutzt werden? Manche Schätzungen gehen davon aus, dass in recht naher Zukunft bis zur Hälfte der rund 40.000 Kirchen­gebäude in Deutsch­land der Profa­nierung oder Ent­widmung ent­gegen sehen.

Abriss? Umnutzung zur Begegnungs­stätte mit ange­schlossenem Café, zur Biblio­thek oder Kinder­tagesstätte, zum Ausstellungs­haus, Co-Working-Space oder Super­markt, ein Umbau zum Wohn­gebäude gar? Und was mag das für die Stadt­gesellschaft und die Stadt­entwicklung heißen?

Das sind die Fragen, die die 16. Auf­lage der „euro­­päischen, noma­dischen Biennale“ – die Mani­festa – diesen Sommer und Früh­herbst im Ruhr­gebiet stellt. Ihr Titel: „Das ist keine Kirche“.

Zwölf Kirchen, mehr als 100 Künstler:innen

Von der Kultur­kirche Lieb­frauen am Duis­burger König-Heinrich-Platz bis hin zur St. Lud­gerus Kirche in Bochum-Langen­dreer: Die Mani­festa 16 Ruhr macht also zwölf Sakral­bauten für 15 Wochen zu Spiel­stätten für Gegenwarts­kunst.


Standorte der Manifesta 16 Ruhr: Gelsenkirchen Thomaskirche © Manifesta 16 Ruhr / Duisburg Kulturkirche Liebfrauen © Daniel Sadrowski / Essen Markuskirche © Daniel Sadrowski / St Anna Bochum © Claudia Dreyssee.

Die Kirchen­gebäude in Duisburg, Essen, Gelsen­kirchen und Bochum – mehrheit­lich Nachkriegs­bauten aus den Jahren 1955 bis 1971 – sind teil­weise noch in sakraler Nutzung, zum Teil schon profa­niert.

Gezeigt werden Arbeiten von mehr als 100 Künst­ler:innen, Duos und Kollek­tiven. Mit dabei ist einige inter­nationale Kunst­prominenz, darunter Mona Hatoum (*1952 in Beirut), Luc Tuymans (*1958 in Mortsel), Alicja Kwade (*1979 in Katto­witz), Katharina Fritsch (*1956 in Essen), Mirosław Bałka (*1958 in War­schau), Małgor­zata Mirga-Tas (*1978 in Zako­pane) und Olaf Metzel (*1952 in Berlin).

Umnutzungsszenarien

Aber kann gegen­wärtige Kunst etwas Sinnvolles bei­tragen zur Frage, was mit den Kirchenbauten zu machen wäre? Kann sie etwa kon­krete Umnutzungs­vorschläge auf­bringen, so wie das kata­lonische Kollek­tiv Cabo­sanroque (Barce­lona), das die St. Lud­gerus Kirche in Bochum zu einer Sport­halle umge­staltet?


FailAgainFailBetter, 2026 © Cabosanroque Collective. Foto © Manifesta 16 Ruhr / Rainer Schlautmann.

Dessen Klang­installation Fail Louder (2026) jeden­falls macht aus dem Kirchen­raum eine nicht-kompetitive Spiel­stätte, den Wettbewerbs­charakter des Sports auf­lösend, indem jeder Pfosten­treffer und jeder erfolg­lose Wurf, der vom Back­board zurück kommt, einen Klang aus­löst, was vor allem von den Kindern der Nach­barschaft begeistert genutzt wird.

Deutlich weniger über­zeugend ist – und vor allem sehr viel weniger Spaß macht – die Inter­vention des von Sergi Arbusà (*1987) noch als Student 2007 in Barce­lona gegründeten Projekts Penique Productions in der St. Josef Kirche in Gelsen­kirchen.

Unter dem Titel Möglich Unvorher­sehbar (2026) ist dort das Mittel­schiff mittels einer blauen Kunststoff­plane aus dem Kirchen­raum als Veranstaltungs­fläche heraus­gelöst. Die Plane macht zwar ein hübsches blaues Licht und schafft eine etwas unwirk­liche Atmos­phäre, neutrali­siert aber die Innen­architektur des Baus und dessen Implika­tionen, statt sie für eine zukünf­tige Nutzung zu mobili­sieren.

Sehr viel einleuchtender ist dagegen die Arbeit von Eva Koťát­ková (*1982 in Prag, lebt ebd.) in der Bochumer Christ-König-Kirche.


When Animals Fall From the Sky, 2026 © Eva Koťátková (und Kinder aus Bochum und Prag). Foto © Manifesta 16 Ruhr / Ivan Erofeev.

Koťátková belebt das Institut des Kirchen­asyls und richtet im Haupt­schiff eine Not­aufnahme ein für „vom Himmel gefallene Tiere“. Weit über­lebensgroße Vögel, Insekten und Würmer finden hier Nahrung und Obdach. Man kann sich zu ihnen setzen, sie in den Arm nehmen und ihre Geschichten und Warnungen anhören: When Animals Fall from the Sky (2026).

Ikonographien

Viele Arbeiten, die die Mani­festa für die Schau im Ruhr­gebiet ver­sammelt oder in Auf­trag gegeben hat, machen sich die reli­giösen Prak­tiken, das Inventar oder die Ikono­graphie, die ihre Spiel­stätten geprägt haben, zum Thema.

Für zwei ikono­graphische Inter­ventionen an Kirchen­fassaden würde man sich wünschen, dass sie dauer­haft erhalten bleiben.

Das gilt insbesondere für Pedro Cabrita Reis’ (*1956 in Lissa­bon, lebt ebd.) Ein­griff am Portal der Bochumer St. Anna Kirche, mit dem zwei Fehl­stellen auf­füllt werden, links und rechts des bronzenen Schmerzens­manns ober­halb der zwei Doppel­flügeltüren.


The Thieves, 2026 © Pedro Cabrita Reis. Foto © Manifesta 16 Ruhr / Rainer Schlautmann.

The Thieves (2026) sind zwei sehr elegante, abstrakte, über 6 Meter hohe und nur 20 cm breite Aluminiums­kulpturen, die für die beiden Schächer stehen, den reu­mütigen Dismas und den unbuß­fertigen Gestas.

Die Christus­figur indes lässt seine Leidens­genossen, die ja uns Sünder repräsen­tieren, gänz­lich unbe­achtet und neigt seinen Kopf – anders als in der Tradi­tion der christ­lichen Ikono­graphie – nicht nach der Seite des „guten“ Ver­brechers Dismas.

Gülbin Ünlü (lebt in München) greift der­weil für friend (2026) auf das hoffnungs­los über­determinierte Symbol der Taube zurück und unter­miniert es dadurch, dass sie das Kirchen­fenster über dem Ein­gang zur Gelsen­kirchener Thomas­kirche mit dem monumen­talen Portrait einer – oft als „gewöhn­lich“ diffamierten – Stadt- oder Straßen­taube aus­stattet.

Der Vogel schaut mit recht stolzem Selbst­behauptungs­willen auf die herab, die ihn als „Schäd­ling“ verfolgen. In der Wiki­pedia lese ich den Hin­weis: „Das Symbol der Friedens­taube hat in der Straßen­taube, deren männ­liche Vertreter in schätzungs­weise 2000 Kämpfe im Jahr ver­wickelt sind, keine verhaltens­biologische Ent­sprechung.” (Abbildung oben)

Beichtstühle


Confessional, 2026 © Ayşe Erkmen / The Distance Between Me and Everything Else © Mehtap Baydu. Foto © Manifesta 16 Ruhr / Rainer Schlautmann / Ivan Erofeev.

In der Essener St. Gertrud Kirche holt Ayşe Erkmen (*1949 in Istan­bul, lebt in Berlin) das Ritual des Sünden­bekennt­nisses mit ihrer Instal­lation Confes­sional (2026) in die Gegen­wart und ersetzt den Beicht­vater durch eine Chat-Software und die Verborgen­heit des Beicht­stuhls durch die Einseh­barkeit einer voll­ständig trans­parenten „Privat­sphären-Kabine“.

Und drüben in der Bochumer Christ-König-Kirche ist unter­dessen die Position des Beicht­vaters besetzt von einer, wie acht­los über eine Stange gehängten, leeren Hülle eines Menschen.

Mehtap Baydus (*1972 in Bingöl, lebt in Berlin) sehr unheim­liche, aus Silikon oder Polyester gefertigten Skulp­turen markieren die Grenze zwischen dem Innen und Außen des Menschen: The Distance Between Me and Every­thing Else (2022).

Kirchenmusik

Die viel­leicht schönste Video­arbeit der Mani­festa 16 findet man ganz hinten in der St. Marien Kirche in Essen-Karnap: Annika Kahrs‚ (*1984 in Berlin, lebt ebd.) knapp 25 Minuten kurzes Video Le Chant des Maisons (2022).


Le Chant des Maisons, 2022 © Annika Kahrs. Foto © Manifesta 16 Ruhr / Ivan Erofeev.

Kahrs lässt in einer profa­nierten und ver­müllten Kirche Lyons die Mit­glieder eines Chors per­formen, während Tisch­ler:innen geräusch­voll im Kirchen­raum das Holz­gerüst einer Hütte auf­bauen. Der Lärm der Hämmer, Sägen und Bohr­maschinen wird zum Teil der Kompo­sition. In die Hütte zieht eine Blech­blas­kapelle ein, der auf­gelassene Raum wird im kreativen Zusammen­wirken so unter­schiedlicher Praktiken des Schaffens (zurück) erobert.

Gleich daneben bringt auch William Engelen (*1964 in Weert, lebt in Berlin) die Musik zurück in den Raum. An der Stelle, wo früher die Orgel stand, lädt Varia­tion on God­speed in 4/4 time (2026) mit seinem Vorhang von 144 Metall­rohren Besucher:innen ein, mit den beigefügten Schlägeln das Schlagwerk zu bespielen – das geschieht meist mit etwas schüchterner Zurückhaltung.

In der Duis­burger Lieb­frauen­kirche ver­wendet Abbas Zahedi (*1984, lebt in London) aus­sortierte und teils zer­störte Pfeifen aus still­gelegten Orgeln für seine raum­greifende Klang­installation Ourano­phobia 47051 (2026).


Ouranophobia 47051, 2026 © Abbas Zahedi. Foto © Manifesta 16 Ruhr / Ivan Erofeev.

Unter den Pfeifen sind solche aus der St.-Nikolaus-Kathe­drale in Kiew, deren Orgel im Sep­tember 2021 durch einen Brand zer­stört wurde. Die auf­recht oder halb­schräg in Gestellen gebündelt montierten Klang­körper der Instal­lation wecken finstere Asso­ziationen zu einem abschuss­bereiten Mehrfach­raketenwerfer.

Fenster, Bänke

Eines der wichtigsten Elemente für die Gestaltung von Kirchenräumen, ihrer Lichtregie und ihres Bildprogramms ist die Glasmalerei und die Wirkung von Buntglasfenstern. In der Blauen Kapelle von St. Gertrud in Essen hat es dazu eine sehr hübsche Intervention von Pravdoliub Ivanov (*1964 in Plowdiw, lebt in Sofia).

Eines der, mit einem abstrakten, am Konstrukti­vismus orien­tierten Orna­ment ver­sehenen Fenster der Kapelle hat Ivanov mit Klebefolien­buchstaben und einer Leuchtstoff­röhre zu einem Thermo­meter ver­fremdet. Das zeigt konstante 37,6°C: Fever (2025-26). Wer oder was hier leicht fiebrig ist, bleibt offen.


Fever, 2025–2026 © Pravdoliub Ivanov. Foto © Manifesta 16 Ruhr – Rainer Schlautmann / Passing By, 2026 © Emil Walde. Foto © Manifesta 16 Ruhr – Ivan Erofeev.

In der Oberkirche der Duis­burger Liebfrauen­kirche ist dagegen ein sehr säkulares Fenster­stück installiert. Emil Walde (*1991 in München, lebt in Düssel­dorf) hat 2024 zerstörte Scheiben aus dem Duis­burger Haupt­bahnof einge­sammelt und zu einem Mahn­mal arrangiert für die austeritäts­politisch moti­vierte, neo­liberalis­tische Rui­nierung der öffent­lichen Infras­truktur vornehmlich seit den 1990er Jahren: Passing By (2026).

Fährt man heute in Duis­burg ein, stellt man übrigens eine ver­blüffend gut voran­schreitende Sanierung der Gleis­hallen fest: Das wellen­förmig geschwungene, neue Stahl-Glasdach ist wirklich schick.

Gleichviel, noch mehr Aufmerksam­keit als den Kirchen- und anderen Fenstern widmen Künst­ler:innen der Mani­festa und auch die Öffent­lich­keit den Kirchen­bänken. Für die Gelsen­kirchener St. Josef Kirche etwa haben An­wohner:innen und Stu­dent:innen in Works­hops mit dem kata­lonischen Designer Curro Claret (*1968 in Barce­lona, lebt ebd.) Bänke zu neuen Sitz­gruppen mon­tiert: This is not a church pew (Das ist keine Kirchen­bank) (2026).

Deutlich spannender ist aber die Arbeit von Nasan Tur (*1974 in Offen­bach a. M., lebt in Berlin) im Altar­bereich der Essener St. Gertrud Kirche.


Elevation, 2026 © Nasan Tur. Foto © Manifesta 16 Ruhr / Rainer Schlautmann.

Für Elevation (2026) hat Tur neun Kirchen­bänke senkrecht in den Altar­raum gestellt. Ins Holz einge­fräst werden Gedanken und Wünsche, die Besucher:innen auf Zetteln notiert in eine bei­gefügte Box ein­werfen oder online ein­senden: Ein „kollek­tives Archiv der Gefühle“.

In den ersten Tagen der Mani­festa war auf­fällig, dass die Mehr­zahl der einge­frästen Notizen Er­fahrungen der Trauer und der Angst formu­lierten: „Ich habe Angst, alleine zu sterben“, „Mein Vater fehlt mir und ohne ihn ist das Leben nicht schön“, „Ich habe Angst vor dem Sterben, nicht vor dem Tod sondern vor einem lang­samen Sterben, vor den Schmerzen!“. Ein einziges „Alles wird gut!“ stand dagegen.

Nach der Eröffnung der Mani­festa wurden Plagiats­vorwüfe gegen die Arbeit von Nasan Tur öffent­lich. Die Bochumer Bild­hauerin und Archi­tektin Doro­thee Biel­feld hatte im Rahmen der RUHR.2010 in der Bochumer Christ-König-Kirche für ihre Arbeit aufrichten 29 Kirchen­bänke senk­recht in den Raum ge­stellt. Die Mani­festa und der Künst­ler haben die Plagiats­vorwürfe zurück­gewiesen.

🡲 Zum 2. Teil des Rundgangs durch die Manifesta 16 Ruhr: „Glück auf in Deutschland“

Manifesta 16 Ruhr. Dir: Hedwig Fijen. K: Josep Bohigas, Gürsoy Doğtaş, René Block & Leonie Herweg, Henry Meyric Hughes & Michael Kurtz, Anda Rottenberg & Krzysztof Kosciuczuk. Bochum, Duisburg, Essen und Gelsenkirchen, 21. Juni bis 4. Oktober 2026.