18. Biennale für Gegenwartskunst in Lyon 2026
„Von einem Traum zum nächsten übergehen“
Noch bis 13. Dezember 2026 zeigt die 18. Biennale für Gegenwartskunst in Lyon mehr als 400 Arbeiten von rund 120 zeitgenössischen Künstler:innen.
Unter dem etwas blumigen Motto „Passer d’un rêve à l’autre“ (Von einem Traum zum nächsten übergehen) versammelt die 18. Auflage der Biennale de Lyon Art Contemporain über 400 Werke von rund 120 Künstler:innen und Kollektiven aus über 40 Ländern. Über 60 der gezeigten Arbeiten sind Auftragswerke der Biennale.
Mit dabei ist einige Kunstprominenz, u.a. Laure Prouvost, Annette Messager, Susan Philipsz, Monira Al Qadiri, Selma Selman, Lara Almárcegui. Neben einem Schwerpunkt auf Kunst aus Frankreich und aus der sonstigen Frankophonie hat die 1974 in Sydney geborene Kuratorin Catherine Nichols in ihrer Auswahl ein besonderes Augenmerk auf Künstler:innen aus Ozeanien gelegt.
Die Ausstellung erstreckt sich über drei Hauptspielstätten: Das Musée d’art contemporain de Lyon, das Musée des Tissus et des Arts décoratifs und die Grandes Locos. Hinzu kommen eine Ausstellung mit zehn Positionen junger Kunst im Institut d’art contemporain de Villeurbanne und einige Werke an diversen Nebenschauplätzen in der Stadt. Aber der Reihe nach.
- Museum für Gegenwartskunst (macLyon)
- Textilmuseum und Museum für angewandte Kunst
- Les Grandes Locos
- Institut der Gegenwartskunst
- Garten des Kunstmuseums
- Praxis
Museum für Gegenwartskunst (macLyon)
Das Musée d’art contemporain de Lyon (macLyon), nordöstlich des Parc de la Tête d’Or, ein hübscher Renzo-Piano-Bau, der die Fassade eines Vorgängerbaus aus den 1920er Jahren erhalten hat, ist ganz für die Biennale leergeräumt und beherbergt jetzt Werke von 50 Künstler:innen.
Als Prolog sind einige Arbeiten des Konzept- und Fluxuskünstlers Robert Filliou (1926-1987) vorangestellt, dessen Suche nach einer „economie poétique“, einer poetischen Ökonomie als Weiterung und Überwindung der Politökonomie, den Anstoß für den theoretischen Überbau dieser Biennale macht.
Eine der spektakulärsten Arbeiten im macLyon stellt die Poetökonomie aber gleich wieder vom Kopf auf die Füße mit ihrem Bezug auf die Automatisierungsgeschichte der Weberei von der Erfindung des Jacquard-Webstuhls Anfang des 19. Jahrhunderts in Lyon bis hin zur Textilindustrie im heutigen Indien. Archana Hande (*1970 in Bangalore, lebt in Mumbai) verbaut Jacquard-Lochkarten zu einem Lichtdom, der ihren Steuercode als Muster an die Wände wirft (und ein wenig an Otto Piene denken lässt): Weaving Light (2009-2023-2025). Das ist sehr beeindruckend.
Eine recht bedrohliche Poesie von subterranen, urbanen Infrastrukturen macht Karlos Gil (*1984 in Talavera, lebt in Madrid) in den Ver- und Entsorgungstunneln unterhalb der spanischen Hauptstadt aus. Der übermäßig dräuende Soundtrack nervt etwas, aber die Bilder der Videoarbeit und ihr Schnitt, die zunächst von einer von einer ruhigen, etwas schwermütig stimmenden Verlassenheit zeugen, dann aber klug rhythmisiert zu einer apokalyptisch anmutenden Klimax führen, sind stark gemacht: Origin (15½ min., 2023).
Unter den Arbeiten im macLyon aus der ozeanischen Kunstszene, will ich besonders auf die dreiteilige Videoarbeit in Sachen Dekolonialisierung des Pazifikraums hinweisen, die Luke Willis Thompson (*1988 in Auckland, lebt ebd.) mitgebracht hat: Te Moana-nui-a-Kiwa (Der große Ozean des Kiwa [Pazifik]), (2024-26). Das ist eine Regierungsansprache zur Staatsgründung der plurinationalen Demokratie von Aotearoa (Neuseeland) im Jahr 2040. Sodann die in Gebärdensprache gehaltene Ansprache eines Ministerpräsidenten Neuseelands, der im Jahr 2031 an die Brutalität der „Dawn Raids“ in den 1970er Jahren erinnert (Verfolgung von angeblich illegal in Neuseeland lebenden pazifischen Einwanderern) und Reise- und Aufenthaltsfreiheit unter den pazifischen Nationen fordert. Und dann schließlich – für die Biennale Lyon produziert – eine bewegende Zeugenaussage aus der jüngsten Vergangenheit, die Polizei- und Justizwillkür bei der Verfolgung von Aktivisten der Unabhängigkeitsbewegung von Kanaky (Neukaledonien) anklagt.
Mai Nguyễn-Long (*1970 in Hobart, lebt in Bulli – beides Australien) hat ein Ensemble ihrer Tonfiguren mitgebracht, das Erfahrungen der Ausgrenzung und das Gefühl, „keine Identität, keine Sprache, keine Stimme“ zu haben, in eine recht explizite Privatmythologie übersetzt: Vomit Girl: Shifting (2025/26).
Textilmuseum und Museum für angewandte Kunst
Im Zentrum von Lyon sind die beiden Palais, die die Musées des Tissus et des Arts décoratifs beherbergen würden, schon seit Jahren sanierungsbedingt leergeräumt. Sie werden jetzt erstmals als Spielfläche der Biennale genutzt. Arbeiten von 24 Künstler:innen sind hier zu sehen.
Von Angelica Mesiti (*1976 in Sydney, lebt in Paris) ist ein sehr hübsches Video dabei, das eine Gruppe von jungen Performern zeigt, die mit Fingerschnippen, Händereiben und Klatschen den Sound eines Regenschauers imitiert: Future Perfect Continuous (Schwarzweiß-Video, 8 min., 2022).
Sehr rätselhaft und umso spannender ist eine saalfüllende Installation von Kokou Ferdinand Makouvia (*1989 in Lomé, Togo, lebt in Paris). Die Wände sind mit unregelmäßig gebrochenen Flächen weiß gefasster Pappe ausgeschlagen, eine Art Reliefkarte einer anderen oder privaten Welt mag das sein. Im Raum sind Plastiken verteilt, auf dem Boden stehend oder von der Decke hängend, amorphe Objekte aus Keramik u.a., in einer Ecke markieren recht phallisch anmutende Säulen irgendetwas, in Glasbehältern sind rote und schwarze Kügelchen vorrätig. Ganz oben, gleich unterhalb der Decke, am Rand der Längswände sind zwei stilisierte Köpfe in Nischen gestellt, man kann sie leicht übersehen. Überwachen sie uns?
Leichter zugänglich ist die erzählende (Language of Love) und satirische (Rough Notes/Quotes) Malerei von Ida Lawrence (*1988 in Sydney, lebt in Berlin): „On her death-bed: ‚I wish I’d spent more time on Instagram!‘“, heißt es in einer dieser Rough Notes mit der Zeichnung einer Frau auf dem Totenbett.
Les Grandes Locos
Am südlichst gelegenen Ausstellungsort, Les Grandes Locos, den mächtigen Hallen des ehemaligen Eisenbahnwerks in La Mulatière (und auf dem Gelände davor), sind unterdessen Arbeiten von 46 Künstler:innen und Kollektiven versammelt.
Einen starken Einstieg in den Hallen macht Laure Prouvost (*1978 in Croix-Lille, lebt in Brüssel) mit ihrem atmenden Großzelt, das man sich als das vermüllte Innere eines Wals oder auch eines, sagen wir, Gefühlsstaubsaugers vorstellen kann: Hovering Caress Amère (2022-26). Treibgut hat sich in diesem begehbaren Zeltbauch angesammelt: Äste, Grünzeug, Überreste einer Party am Ufer vielleicht, zerknüllte Bierdosen, Pappbecher und so. Oben hängt ein Cluster von Partylampen fest, nein, es sind wohl leuchtende Mutterbrüste aus Buntglas, daneben hängt ein etwas bedrohlicher Stiefel. Eine aus dem letzten Jahrhundert übrig gebliebene Audiokassette mit Bandsalat und eine Videokassette sehe ich. Schmatzgeräusche, Atemgeräusche und Seufzer hört man, aber auch einen etwas sinnlichen oder die Sinne benebelnden, sirenenhaft lockenden Gesang.
Besser wird sein, sich rasch aus dieser mächtigen Assoziationsfalle befreien und sich hinüberretten zu den Plastiken gleich nebenan. Das sind sechs Köpfe von Leilah Babirye (*1985 in Kampala, lebt in New York). Babiryes Plastiken aus Keramik, Holz und Schrott gehörten bereits zu den besten skulpturalen Arbeiten der Zentralausstellung auf der Biennale Venedig 2024.
In den Grandes Locos hat es eine Reihe von, in Seecontainern untergebrachten Videoarbeiten, die aber von sehr unterschiedlicher Qualität sind. Herausragend ist die Videoinstallation It Would Be Alright (24 min., 2026) von Maxime Jean-Baptiste (*1993 in Seine-et-Marne, lebt in Paris und Brüssel).
Keineswegs verpassen sollte man Mette Sterres (*1983 in Delft, lebt in Amsterdam) skurrile bis burleske Büroinstallation Hummelmania Paradise Extreme Dreams Depend on Teams (2026), auf deren Parcours man an einem Bürostuhlrennen teilnehmen kann – aber (so informiert ein Schild) nur von 11 bis 11:30 und 15 bis 15:30 Uhr und mit Sturzhelm versehen, soviel Ordnung muss sein.
Institut der Gegenwartskunst
Im Osten, jenseits der Rhône in Villeurbanne, zeigt das Institut d’art contemporain zehn Positionen von Künstler:innen diesseits der 35 Jahre. Die Jeune création internationale ist seit 2015 Teil der Biennale.
So verfolgt Haonan He (*1994 in Yunnan, lebt in Clermont-Ferrand und Paris) auf beidseitig gemalten Tondi (Mandala-Cartographie) und in einer olfaktorisch erweiterten Installation mit Keramik-Mohnpflanzen (Opium-Arium) (alles 2024-2026) den Lebenszyklus des Schlafmohns.
Etwas beunruhigend sind dagegen die Arbeiten von Maja Fredin (*1992 in Uppsala, lebt in Stockholm). Die hat – ich glaube, es sind 22 – Humonculi (2026) gebastelt, Miniaturen von menschlichen Skeletten, gebaut aus Knochen von Grillhähnchen, die sie vornehmlich in zwei Sommermonaten des laufenden Jahres verspeist hat. Abgesehen von fragwürdigen Ernährungsgewohnheiten wecken drei menschengroße, bis auf die Muskelmasse entkleidete Bodybuilderfiguren Unbehagen. Sie erinnern ein wenig an Plastinate des jüngst verstorbenen Gunther von Hagens, sind aber mit Stöckelschuhen versehen: Broiler (2024-26). Ich vermute, es geht um die Umkehrung der Machtverhältnisse von selbst- und fremdoptimierten Lebewesen.
Sicher unproblematischer anschlussfähig ist dagegen eine schöne Dreikanal-Videoinstallation von Valentin Pinet (*1996 in Lyon, lebt in Marseille und der Auvergne). Le Sel est libre (16¼ min., 2026) erzählt in Überblendung von Geschichte und Gegenwart von den Salzsteuern, einer Zollgrenze und dem Salzschmuggel zwischen Auvergne und Loire im 18. Jahrhundert.
Nebenspielstätten / Garten des Kunstmuseums
Von den – kostenfrei besuchbaren – Nebenspielstätten der Biennale darf man auf keinen Fall den hübschen Garten des Musée des Beaux-Arts versäumen (früher der Kreuzgang und -garten eines Klosters).
Hierein hat die schottische Klangkünstlerin Susan Philipsz (*1965 in Glasgow, lebt in Berlin) eine Mehrkanal-Soundinstallation gesetzt. We are the weavers (2026) greift den Refrain eines Protestchansons von Aristide Bruant auf, das an die Aufstände der Seidenweber Lyons, der „Canuts“, im 19. Jahrhundert erinnert: „C’est nous les canuts / Nous sommes tout nus“. Philipsz nimmt in ihre Gesangscollage, die wie leise Kirchengesänge durch den Kreuzgang hallen, zwei Kinderlieder mit auf: I hear Thunder und Pop Goes the Weasel – „That’s the way the money goes“.
Praxis
Alle Hauptstandorte sind mit dem hervorragend funktionierenden ÖPNV der Metropole Lyon sehr gut zu erreichen (zu Stoßzeiten sind die Hauptlinien aber gerne mal recht übervoll).
Ist nur ein Tag Zeit, verschafft der Besuch des Musée d’art contemporain de Lyon und der Grandes Locos einen vernünftigen Einblick in die Biennale. Besser sind zwei Tage, um alle genannten Spielstätten mitzunehmen und ausreichend Zeit für das ein oder andere Stück Videokunst zu haben.
Ein 376 Seiten starkes Handbuch ist an den Standorten der Biennale für sehr preiswerte 18 Euro erhältlich. Es enthält – sagen wir mal – wiedererkennbare Abbildungen und im Wesentlichen die Texte, die auf den Erklärtafeln bei den Werken zu lesen sind (zweisprachig frz/engl). Für die Orientierung vor Ort reicht aber auch das kostenlos verteilte Faltblatt mit Karte, Raumplänen und Informationen zu Öffnungszeiten.
18ᵉ Biennale de Lyon Art Contemporain. KL: Isabelle Bertolotti, K: Catherine Nichols. Lyon, diverse Spielstätten, 19. September bis 13. Dezember 2026.